19.08.18 – Armin Kistenbrügge – Wozu eigentlich Kirche?

Predigt vom 19. August, Armin Kistenbrügge

„Wozu brauche ich überhaupt so was wie die Kirche?“ Fragen viele. Das ist schon längst nicht mehr selbstverständlich. „Ich kann doch auch so mit Gott in Kontakt bleiben. Da stört die Kirche doch bloß und macht mir Vorschriften, die kein Schwein versteht. Warum muss man da überhaupt einem Verein beitreten und Vereinsbeitrag zahlen? Sehe ich nicht ein.“

Und Gott braucht so was doch auch nicht. DER braucht keine Kirche. Die steht ihm auch bloß im Weg. Der hätte es vielleicht sogar leichter und müsste sich nicht immer fremdschämen wegen seines Bodenpersonals. Wenn Gott was will, kann er doch direkt eingreifen, Zackbumm von oben, und wenn er mir was sagen will, kann er mich doch direkt anrufen.

Warum also noch Kirche? Habt ihr ein paar gute Argumente,warum ihr ein Teil dieser „Kirche“ seid, oder habt ihr nur vergessen auszutreten? Ich behaupte, so ähnlich klingt die Denke von ganz Vielen, dieschon längst aus der Kirche ausgetreten wären, wenn sie die Oma damit nicht ins Grab bringen würden oder enterbt werden.

Ich möchte euch heute einen Gedanken mitgeben, der völlig quer zu diesem Zeitgeist steht. Es stimmt nämlich nicht, dass Gott die Kirche nicht braucht.
Kirche ist nämlich kein Verein zur Denkmalpflege harterBänke in alten Häusern und alten Liedgutes auf historischen Instrumenten. Kirche, das ist die Form, die Gestalt, die Gottes Mission hat. Gott hat nämlich eine Mission. Ein Projekt. Zur Erlösung und Rettung der Welt. Und er rettet und heilt die Welt nicht zack von oben, sondern von unten, auf Augenhöhe.

„Gott will Menschen durch Menschen retten.“ Das ist der Grundsatz. Das ist der tiefste Grund dafür, dass wir Gott nicht ohne Kirche bekommen. Und Gott nicht ohne seine buckligen Mitarbeiter sein möchte, die seine Nähe und Liebe in kleiner Münze weitergeben.
Und solche Menschen, die lässt Gott nicht alleine rumlaufen, sondern baut aus ihnen seine … Kirche.

Ich halte euch jetzt aber keinen Vortrag, sondern erzähle euch, wie das mit der Kirche angefangen hat. Wie Lukas das im zweiten Teil seiner großen Story aufgeschrieben hat. Der Geschichte, wie die Mission von Jesus weitergegangen ist, also sozusagen „Jesus II“, jeder Blockbuster hat heute ein Sequel, und die Mutter aller Fortsetzungen ist die Apostelgeschichte. Aus der ist der Predigttext für heute, aus dem 3. Kapitel, aber ich fange schon vorher an zu erzählen.

„Es geht weiter: Mit euch!“, hatte Petrus den Leuten geantwortet, die an Pfingsten das erste Mal davon gehört hatten, dass Gott wirklich da ist: Für alle. Dass der höchste Gott sich ganz nach unten beugt und alle rettet, die ihm die Hand geben und sich ziehen lassen.
Die ehemaligen Jünger und Anhänger von Jesus waren jetzt nicht mehr die Adressaten von Gottes Botschaft, sondern selber auch die Sender. Der Heilige Geist hatte sie zu Teilhabern der Sendung Gottes gemacht. Mit dem Heiligen Geist waren sie sozusagen Teil von Gottes Mission. Sie waren der Mund von Jesus, sie waren seine Glieder, seine Hände und Füße, seine Augen. Sie waren Christus, als Gemeinschaft existierend. Sie waren der „Leib Christi“.
Durch sie kamen die Menschen Jesus selber nahe. Und so breitete sich die gute Nachricht aus wie ein ansteckendes Virus. Eins, das Menschen heilt. Das Menschen befreit und nicht eins, das einen lähmt.

Das lag nicht daran, dass die Apostel plötzlich die absoluten Superprediger und Heilsbringer geworden wären. Es lag daran, dass es die Liebe Gottes selber war, die sie weitergaben. Das machte sie bei den Leuten beliebt. Ihr ganzes Leben war wie eine vertrauensbildende Maßnahme. Deshalb breitete sich die Frohe Botschaft, das Evangelium, so schnell aus wie ein Flächenbrand. Denn die Menschen bekamen nicht bloß ein Schulterklopfen und ein paar ermutigende Worte, das war nicht die „Frohe Botschaft“. Sondern sie bekamen wirkliche Geborgenheit. Sie bekamen ein Zuhause auf Erden. Und im Himmel. Sie bekamen ein neues Leben, eine neue Familie von Geschwistern, alles kleine Brüder und Schwestern von Jesus, die die Liebe, die sie empfangen hatten, weitergaben und nicht für sich behielten.

Das war keine neue Weltanschauung: Es war ein Lebensstil. Leben in Gemeinschaft. Miteinander und mit Gott. Menschen, die in Kontakt mit der Liebe Gottes kamen, fingen wirklich ein neues Leben an. Manche verkauften ihren ganzen Besitz, ihr Haus, ihre Kutsche, ihre Mittelmeeryacht, ihre Aktien vom Circus Maximus und zogen in die Wohngemeinschaft der Christen. Das war sozusagen das Attraktive des neuen Glaubens.

Sie bilden Gemeinschaften, kleine Hausgemeinden, die alle die seelische DNA von Jesus hatten, den heiligen Geist. Sie sorgten füreinander. Wenn einer Sorgen hatte, wurden sie geteilt. Wenn einer sich freute, dann freuten sich die anderen mit, und die Freude wog doppelt. Wenn einer reich war, sorgte er für die anderen mit. Sklaven und reiche Geschäftsleute saßen nebeneinander im Gottesdienst, Männer und Frauen, Bayernfans und BVB-Anhänger, und hörten auf denselben Herrn, teilten das Brot und den Wein, sahen sich in die Augen, als sie sich die Gaben weiter reichten und sagten: „Christi Leib. Für dich gegeben. Christi Blut, für dich vergossen.“ In ihnen floss das Blut der Vergebung. Sie waren sozusagen blutsverwandt mit Jesus. Das, genau das war Kirche.

Einmal gingen Petrus und Johannes in Jerusalem zum traditionellen Gebet in den Tempel. Sie waren ja Juden. Da stolperten sie über einen Behinderten, der am Tor bettelte, wie so viele es taten. Armer Kerl. Das gehörte zum normalen Straßenbild in der heiligen Stadt und dem Tempel: Dort das Allerheiligste, und davor das Elend, das Gegenteil von Heiligkeit.
Der Mann streckte ihnen die Hand entgegen – und Johannes nahm sie: die Hand.

Er hielt keinen Sicherheitsabstand und suchte irgendeinen Hosenknopf zum Spenden, damit das Elend schnell wieder aus seinem Kopf verschwinden würde, sondern er nahm den Bettler an die Hand. „Hör mal, wir haben auch nichts, ich hab schon alles verschenkt. Aber was wir haben, das geben wir dir. Komm, ich zieh dich hoch. Kannst ja mitkommen, wenn du willst.“
Halt, das war nicht vorgesehen! Der Bettler war doch offiziell gelähmt, dem war eigentlich nicht so schnell aufzuhelfen, dachten die Leute, der Weg aus dem Elend und dem sozialen Abseits war kompliziert. Aber plötzlich konnte er wieder stehen. Auf eigenen Beinen. Der Gelähmte sprang auf, hüpfte rum und lobte – nicht die Helfer, sondern Gott. Das wiederum sahen die Passanten, wunderten sich und sammelten sich um die kleine Gruppe als eine Gemeinde von Schaulustigen.
Aber Petrus sagte nur: „Leute, guckt nicht wie ein angefahrener Esel, wir sind nicht die neuen Heilsbringer und Superhelden! Das ist die Kraft von Jesus, die Liebe Gottes, die hier bei der Arbeit ist. DieKraft von dem, der ohnmächtig vor der Stadt am Kreuz hing und sich nicht helfen konnte, erinnert ihr euch, und der jetzt das Elend und den Tod hinter sich hat und jedem von seinem ewigen Leben einen Anteil schenkt, der die Hand aufhält wie dieser Bettler. Na, wer will noch mal, wer hat noch nicht? Wer von euch will sein altes Leben zurückgeben und auch ein neues Leben anfangen? Ihr seid eingeladen: Heute Abend um acht bei Nicodemus im ersten Stock. Zum Essen, Trinken und Beten.“

Liebe Greifensteiner (Edinger) Geschwister!
Versteht ihr jetzt, was Kirche ist? Und wie toll das ist? Ich habe zum Schluss noch drei kleine Hinweise für euch:
Erstens: Die Gründung der Kirche ist keine Startup-Idee, die ein paar Jünger hatten. Die Firma hat der Heilige Geist gegründet. Die Geschichte nach Jesus‘ Auferstehung ist nicht einfach die Geschichte der christlichen Kirche, nach dem Motto: „Jesus predigte das Reich Gottes, und was dann kam, das war die Kirche“. Welche Enttäuschung. Es ist vielgrundlegender: Die Geschichte, wie es nach dem „Jesus lebt“ an Ostern weitergegangen ist, das ist die Story des Heiligen Geistes. Die Wirkung, die der Heilige Geist hat. Es ist die Geschichte von Gottes Mission: „Gott will Menschen durch Menschen retten.“
Und die Kirche, die aus dieser Mission entstanden ist, aus den Menschen, die zum Glauben gekommen sind, die besteht zu 100 Prozent aus Mission. Die christliche Kirche missioniert nicht. Sie ist selber eine Mission. Sie ist eine Bewegung. Sie ist die Bewegung Gottes auf die Menschen zu. Sie ist die Gestalt, die Gottes Sehnsucht nach den Menschen gewonnen hat.

Zweitens. Deshalb ist der Gedanke Quatsch, dass ein Mensch ohne das alles mit Gott in Kontakt kommen kann. Indem er z.B. einfach die Bibel liest wie einen Fantasyroman. Ohne den Heiligen Geist hat das mit christlichem Glauben so viel zu tun wie ein Computerspiel mit dem echten Leben! Außerdem halte ich das für die absolute Ausnahme, dass Menschen so mit Jesus‘ guterBotschaft in Kontakt kommen. (Das habe ich einmal erlebt, dass ein Iraner ohne jede Anbindung zu einer christlichen Gemeinde die Bibel durchgelesen hat und zum Glauben gekommen ist.)

„Die Menschen lesen nicht die Bibel, sozusagen imluftleeren Raum und fangen dann an zu glauben. Sie lesen dich und mich“, hat Corrie ten Boom mal gesagt. Was Menschen sehen und erleben, das ist ein Gelähmter, der hüpft und Gott lobt. Oder ein Einsamer, ein Eigenbrötler, der echte Gemeinschaft gefunden hat und davon erzählt, als Glaubenszeugnis, das mehr ist als geistliche Nabelschau, die Außenstehende eher peinlich finden. Und welche Kraft hat das, wenn ein Flüchtling Gott lobt, weil er sich mit seinen schlimmen Erinnerungen nicht mehr immer neu abgeschoben fühlt, sondern die Gastfreundschaft der Freunde von Jesus erlebt hat. Oder eine alleinerziehende Mutter, die sich nicht mehr ausgegrenzt und vergessen fühlt.

Menschen vertrauen nicht den Worten, die wir sagen, sondern dem, was wir leben. Sie glauben eher der Körpersprache, sagt die Kommunikationswissenschaft, dem, was uns aus den Knopflöchern guckt. Auch nichtdem vorbildlichen Verhalten, das man vor sich herträgt und irgendwie nicht authentisch ist und wo die Leute merken: Das bist nicht du, sondern wer du gerne sein möchtest. Das mit der Körpersprache gilt auch für die Gemeinde: Esgibt eine „Körpersprache des Leibes Christi“, und die predigt manchmal was anderes, als im Gemeindebrief steht oder von der Kanzel gepredigt wird. Zu dieser Körpersprache gehört auch die Art, wie wir miteinander umgehen.

Und da sind wir beim dritten. Der Gemeinschaft. DieAusbreitung des Evangeliums funktioniert nämlich nur sehr begrenzt, wenn jeder für sich bleibt und Religion Privatsache ist. Du kannst nicht mit Gott im Reinen sein, wenn dein Nachbar auf keinen grünen Zweig kommt.

Deshalb ist der dritte Hinweis aus der Apostelgeschichte vielleicht heute der Entscheidende für die Ausbreitung der Infektion mit dem Jesus-Virus: Die Gemeinde gibt, was sie hat. „Was wir haben, das geben wir“, hat Petrus gesagt. Klingt ein bisschen so wie: „Mir gewwe alles“, das war mal das Motto der Beilsteiner Kirmes. Aber das ist hier das Gegenteil von totaler Verausgabung: Alles geben, nichts behalten, so rum betrachtet ist das eine totale Überforderung. Die einem bloß ein schlechtes Gewissen macht und einen ratlos zurücklässt wie den reichen Jüngling, der auch mit seiner Frage nicht glücklich wurde: Wie viel muss ich geben, wie viel muss ich tun, wann ist endlich genug?
Ihr wisst selber, dass man so nicht froh wird. Es geht garnicht um deine Ausgaben. Was es dich kostet, Jesus wirklich nachzufolgen. Sondern darum, was du empfangen hast. Denn alles, was wir haben, haben wir empfangen. Alle Gaben. Alle Begabungen. Das wenigste von dem, was wir genießen können, haben wirwirklich alleine verdient.

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen, von der in der Apg. die Rede ist, ist aber nicht die frohe Botschaft selber. Einmal  Kommunismus mit frommem Anstrich bitte. Sie ist einfach Konsequenz gemeinsamen Lebens: So wie du in deiner Familie zu Hause auch nicht getrennte Fächer im Kühlschrank einrichtest. Jeder darf sich nehmen. Soviel er braucht. In dem Maß, in dem wir bereit sind, das Empfangene wirklichzu teilen, in dem Maße wird sich die Verheißung erfüllen, dass sich das Evangelium unaufhaltsam ausbreitet.

Das ist so wie in der Geschichte von der Frau, die Jesus dieFüße mit teurer Salbe eincremt und Jesus dem verdatterten Pharisäer sagt, der dabeizuguckt: Wem viel vergeben ist, der gibt auch viel. Du brauchst Gott nicht wirklich, deshalb hast du auch nur wenig zum Weitergeben. Du behältst deinen Glauben für dich. Das ist dein religiöses Hobby und deine fromme Eitelkeit. Aber von diesem Privat-Glauben geht keine Kraft aus. Der ist wie ein unfruchtbares Samenkorn.

Wir müssen ja nicht gleich mit dem Ideal der Besitzlosigkeit in einer christlichen Kommune anfangen. Vielleicht üben wir erst mal den ersten Schritt: Indem wir die Frage umdrehen. Statt: „Wie viel muss ich denn jetzt abgeben?“fragen: „Wie viel habe ich eigentlich empfangen, zum Weitergeben?“Gott schenkt einem mit jeder Gabe auch eine Aufgabe. Und jede Begabung hat das Ziel, damit anderen zu dienen. Indem Maße, wie du empfängst, kannst du weitergeben. Und in dem Maße wächst unter uns das Reich Gottes. So und nur so wächst die Gemeinde: Indem wir gemeinsam beten, gemeinsam leben und die Gemeinschaft mit Jesus beides trägt. Das und nichts anderes ist Kirche. Und absolut unverzichtbar.
Amen.
(Kanzelsegen)