14.10.18 – Armin Kistenbrügge – Vom Nach Hause kommen und Platz machen

Predigt vom 14. Oktober, Armin Kistenbrügge

Predigt über Lukas 15, 11-32: Vom Nach Hause kommen und Platz machen

am 20. Sonntag nach Trinitatis, 14.10.2018 im „Schön, dass du da bist“ Gottesdienst in Greifenstein und Edingen

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister! Kommt, jetzt macht es euch mal richtig gemütlich! Im Gottesdienst sitzt man manchmal immer noch auf den Bänken wie auf rohen Eiern. Ich weiß auch, dass unsere alten Kirchenbänke jetzt nicht der Stressless-Schaukelsessel sind, wo man sich reinfallen lässt und sofort fällt alles von einem ab. Aber ihr könnt euch austrecken, euch wenigsten ein bisschen hinfläzen. (Grf: Am besten geht das natürlich in der letzten Bank, in unserer „business class“.)

Ich will euch einfach nur begreiflich machen, dass das hier wirklich euer geistliches Zuhause ist. Deshalb auch die neue Fußmatte. Ihr seid hier nicht zu Gast. Das hier ist dein Haus. Dein Zuhause. Du musst nicht klingeln und warten, dass einer aufmacht. Du kannst einfach so rein. Und es dir gemütlich machen.

Was machst du, wenn du nach Hause kommst? Du streifst die Schuhe ab. Ziehst deine Rüstung aus. Die dich da draußen schützt. Oder deine dreckigen Sachen, weil du da draußen den Mist wegschippen musstest. Und ziehst dir was Bequemes an. Und dann guckst du in den Kühlschrank, nimmst dir was Schönes zu Trinken und legst die Füße hoch. Und wenn‘s sehr gut läuft, riecht es zu Hause nach gutem Essen, das auf dich wartet. Aber das wichtigste beim Nach Hause kommen für mich ist: Das willkommen geheißen werden. Dass da einer ist, der sich freut, dass du wieder da bist. Das ist mir so wichtig! Deshalb komme ich längst nicht so gerne nach Hause, wenn keiner da ist.

Das alles passiert in der Geschichte vom verlorenen Sohn. Der wird willkommen geheißen:

„Schön, dass du wieder da bist.“

Der kann seine zerfetzten Klamotten in die Tonne kloppen und kriegt was Bequemes, und dann wird gegessen. Und Musik angemacht.

So soll sich das eigentlich anfühlen, wenn du zu Gott kommst. Wie nach Hause kommen. Und da steht keiner in der Tür und sagt erstmal: „Du kommst zu spät, wo warst du die ganze Zeit, und bring nicht den ganzen Dreck mit rein!“So wie der Besuch bei der Pinguin-Mama. Kennt ihr noch die Blues-Brothers, die ihr altes Waisenhaus in Chicago besuchen, also nach Hause kommen zur Ordenschwester, die sie die Pinguin-Mama nennen, und gleich geht’s schon wieder los mit der Schimpferei, dem Belehrt werden, und es gibt was auf die Finger bei jedem Schimpfwort: „Mist! – Zack – Aua, Scheiße“ – und Zack, wieder setzt es einen. Für manche ist Gottesdienst ja immer noch die Fortsetzung der Schulstunde mit anderen Mitteln. Dabei müsst ihr euch jedes Mal klar machen, wer da steht und euch entgegen geht und euch begrüßt: „Mensch, Jürgen, ich hab dich schon von weitem kommen sehen und mich gefreut, schön, dass du da bist!Ich hab so auf dich gewartet.“ Es ist Gott selber.

Ich mag die Geschichte von Jesus vor allem deshalb, weil der Papa in der Story so rührend ist: Der stand die ganze Zeit am Fenster und hat raus geguckt, sonst hätte er den Sohn nicht kommen sehen. Und dann steht da beim alten Luther: „Es jammerte ihn“, das ist das, was mit dem alten Wort „Barmherzigkeit“ gemeint ist, der hat Tränen in den Augen bei dem Anblick, wie abgerissen und frustriert und beschämt und gescheitert sein Sohn da angeschlichen kommt. Die ganze Zeit hat er gewartet, und jetzt kann er nicht mehr warten: Er rennt vor die Tür, kommt dem Jungen entgegen, wartet nicht, bis der klingelt und kostet die Genugtuung aus, sondern kommt ihm zuvor, in jeder Hinsicht, ist so aus dem Häuschen, dass der Sohn überhaupt nicht zu Wort kommt, der will seine sorgfältig zurecht gelegte Entschuldigung loswerden, den Papa interessiert das überhaupt nicht, der fällt dem zerknirschten Sohnemann ins Wort, und fragt ihn auch nicht: Was möchtest du?, sondern fängt gleich an zu organisieren, alles viel zu viel Liebe. Das ist so, als wünschst du dir ein freundliches Wort und du kriegst gleich ein ganzes Orchester mit Parade. Der Sohn wollte durch den Seiteneingang kommen, und dann so ein Bahnhof. So verrückt vor Liebe und Sehnsucht ist Gott, sagt Jesus!

Und zwar egal, wie lange du weg warst. Ob eine Woche, fünf Minuten, fünf Jahre oder eine gefühlte Ewigkeit. Immer rennt er dir entgegen, und seine Wiedersehensfreude ist so groß, als wärst du tot gewesen. Das ist das Wesen Gottes. Er liebt dich, als wärst du der einzige Mensch, hat der Kirchenvater Augustinus mal gesagt. Und als wärst du eine Ewigkeit weg gewesen. Es ist egal, wie lange du weg warst. Es ist egal, ob du draußen Mist gemacht hast, gescheitert bist oder du brav gewesen bist und von der Arbeit reinkommst. Gottes Liebe ist keine Reaktion auf das, was du tust oder getan hast. Sie kommt dir zuvor. Immer.

Auch der ältere Sohn kommt ja nach Hause. Aber schlecht gelaunt. Weil er sich schlecht behandelt fühlt.

Und jetzt kommt das Problem. Mit der Liebe Gottes. Wenn die dir nämlich völlig unabhängig davon gilt, ob du der verlorene oder der brav zu Hause gebliebene Sohn bist, der alles richtig gemacht hat, dann ist es doch egal, denkt der ältere, dass er sich hier den Hintern aufreißt, um den Betrieb am Laufen zu halten. So eine Liebe fühlt sich ungerecht an.

Das ist reine Psychologie: Das Kapuzineräffchen im Zoo kriegt vom Wärter ein Stück Gurke und fühlt sich wie King Lui, der Wärter hat mir persönlich die Gurke in die Hand gedrückt. Und dann kriegt der Kollege Brüllaffe nebenan auch ein Stück. Und zack, ist die Liebe gefühlt weniger wert.

Jesus erzählt noch mehr solcher Gleichnisse, z.B. die Story von den Arbeitern, die alle am Ende des Tages das Gleiche kriegen, obwohl die einen morgens angefangen haben und die letzten sich noch nicht mal die Handschuhe anziehen konnten, da waren sie schon fertig. (Mt 20) Die verdeutlichen die Liebe Gottes, wo die Gnade und Barmherzigkeit Gottes sich ungerecht anfühlen, eben weil die Liebe keine Belohnung ist, sondern immer zuerst kommt. Gott liebt uns zuerst!, sagt der Johannesbrief.

Und es gibt noch ein Problem mit der Liebe Gottes. Denn der liebt nicht nur dich, sondern auch den anderen. Genauso, als gäbe es nur ihn und als wäre er eine Ewigkeit weg gewesen. Der berühmte Theologe Karl Barth hat mal gesagt, als eine Frau ihn danach gefragt hat, ob sie im Himmel auch ihre Lieben wiedersieht: „Ja, aber auch die andern.“ Das muss man erstmal verpackt kriegen, dass Gott jeden genauso liebt. Auch die, die ich doof finde. Und dass mein Zuhause zugleich das Zuhause von dem andern Bruder ist, der so blöd ist. Und wieder ist das Kapzineräffchen in dir erst mal sauer. Und fühlt sich zurückgesetzt.

So stehen sich auch die beiden ungleichen Brüder aus der Geschichte gegenüber. Und schaffen es nicht mal, sich auch nur normal zu begrüßen. Sie machen da weiter, wo sie aufgehört haben. Als der jüngere abgehauen ist. Die Rivalität ist so groß wie eh und je. Der jüngere denkt: „Ich bin immer das schwarze Schaf, der Loser, der Taugenichts. Da kann ich ja gleich wieder gehen.“Der andere denkt: „Ich bin immer der Dumme. Der andere ist immer das Sorgenkind, um den man sich kümmert. Egal wie sehr ich mich anstrenge.“ Und so beginnt der Begrüßungsdialog gleich da, wo die Abschiedsworte vor Jahren aufgehört hatten:„Na, du Penner, lässt du dich auch mal wieder blicken, will der Herr den Betrieb vielleicht doch übernehmen, er hat ja die Ausbildung zu Ende gemacht und nicht alles hingeschmissen und ist mit 17 ein paar Jahre ins Ausland gegangen, um „Erfahrungen“ zu sammeln, das qualifiziert ihn bestimmt für Leitungsaufgaben, wo der andere Depp im Büro sitzt, Bleistifte spitzt und den Laden am Laufen hält. Den Religionsbetrieb hier.

Brüder! Wer solche Brüder hat, braucht keine Feinde.Sie stehen sich gegenüber. Und der Heimgekommene merkt, dass sein Zuhause auch immer noch das von diesem Spießer ist, diesem Gehorsamstrottel, diesem Weichei, diesem Liebling von Mama. So denkt er.

Das ist manchmal auch ein echter Hinderungsgrund, warum Menschen keine Lust mehr haben, nach Hause zu Gott zu kommen. Oder sich das Zuhause anfühlt wie der zu eng gewordene Laufstall.

Aber es betrifft womöglich nicht nur den älteren, braven und frommen Bruder, der ein Problem mit der Liebe Gottes hat. Man könnte die Geschichte nämlich noch weiter erzählen: Am nächsten Tag kommt auch die Tochter überraschend nach Hause. Völlig aufgelöst. Ihr Mann hat sie rausgeschmissen, und als Frau bist du in der damaligen Zeit so viel wert wie ein kaputter Kochtopf. Und eigentlich kannst du dich noch viel weniger wieder nach Hause trauen ins Elternhaus, weil du auf die Familie irgendwie Schande bringst. Denken die Jungs. Aber dem Vater ist das völlig egal, er hüpft rum, als wäre die Wiedersehensparty von gestern noch gar nicht vorbei und alle hängen mit Kater in den Seilen, er nimmt sich die Tochter, hakt sich ein, dreht sich mit ihr im Kreis und singt: „Mein süßes kleines Töchterlein ist wieder da, ich krieg mich kaum noch ein.“ Und wer steht da im Türrahmen hinter dem Vater, schlecht gelaunt und noch verkatert: Der jüngere Sohn, einträchtig neben dem älteren Bruder.

Das ist das Zugabteil-Syndrom. Ihr kennt das: Du sitzt alleine im Zugabteil, und nach zehn Minuten hast du das Gefühl: Das ist mein Abteil. Mein Revier. Aber nach der nächsten Haltestelle geht die Schiebetür auf, jemand nickt freundlich und fragt höflich: „Ist hier noch frei?“ Natürlich. Ein halber Platz wenigstens, denn auf dem gegenüber liegen meine Füße, links neben mir steht meine Tasche, daneben der Proviantbeutel, auf dem vierten die Zeitung. Aber eigentlich sind es Fünf Plätze. Ganz klar. Ich sage: „Natürlich, bitteschön“ und räume meine Sachen beiseite. Aber mein Blick. Der sagt: „HAU AB! HIER IST NICHT FREI! Hier bin ich! Das ist meine Höhle.“ Tief im Innern läuft ein Programm aus der Zeit ab, als wir noch Primaten waren und unser Territorium markiert haben. Und darüber ist eine dünne Schichte Zivilisation, die dabei hilft, dass der Neandertaler in mir sich benehmen gelernt hat. Zehn Minuten später habe ich mich an den Mitbewohner im Abteil gewöhnt, wir haben uns nicht angefallen und um den Platz gekloppt. Aber dann. Dann geht die Schwingtür auf, und eine unsichere Gestalt schaut herein und fragt freundlich: „Ist hier frei?“ Und zwei Augenpaare sehen sie an, haben sich wortlos schon miteinander verschworen. Und das ganze Programm läuft von vorne ab.

Das ist der Primat in uns, oder wie die Bibel sagt, der alte Adam, der die Liebe Gottes nur als Belohnung will, und der es nicht erträgt, dass die Gnade Gottes noch viel mehr Plätze frei hat.

Um das Haus Gottes zu deiner geistlichen Heimat zu machen, muss man zugleich immer wieder lernen zusammenzurücken, wenn ein anderer nach Hause kommt und wieder im Himmel Party ist über jeden, der den Weg nach Hause findet (steht in der Story davor) und damit zugleich immer mehr begreift, wie weit die Liebe Gottes wirklich reicht. So entwickeln wir in der Gemeinde eine „Kultur des Mitfreuens“. In die Gemeinde reinkommen muss sich anfühlen wie das verloren geglaubte Zuhause wiederzufinden! Amen.

Summary for Pastor Fred: So, Fred, what I was saying was that the story of the Prodigal son is also a story about homecoming to God. The problem is, that when you come home to god you not only meet the folks you like there, but also the others who think that the love of God is the reward they get for working for God so hard, those people who are annoyed about the Prodigal son, who comes too late to help with all the work and gets all the support, although. But you always find aspects of both of the sons in your own homecoming story to God. Just imagine what happens after the homecoming party, when the lost daughter comes home, too, and finally you see both brothers hand in hand, mocking about the daughter!

(Kanzelsegen)