31.12.18 – Armin Kistenbrügge – Silvester

Predigt von Armin Kistenbrügge am 31.12.18 zu Silvester

Die Wahrheit macht frei (Joh 8, 31-36)

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

„Dass bald das neue Jahr anbricht, spür ich nicht im Geringsten. Ich merke nur: die Zeit verrinnt. Genauso wie zu Pfingsten.“

(J. Ringelnatz)

Das mit dem Jahreswechsel ist doch genauso eine Illusion wie der runde Geburtstag, an dem du angeblich zehn Jahre älter wirst, und schwupps, fühlste dich alt, obwohl du einfach nur einen Tag weitergelebt hast. So ähnlich ist das auch beim neuen Jahr, das man irgendwie abschließt. Das gibt’s doch eigentlich gar nicht. Das ist eine Konstruktion. In Wirklichkeit ist morgen einfach Dienstag und meinetwegen Feiertag, fertig ist die Laube. Und du lebst einen Tag nach dem anderen. Eines Tages wirst du sterben, aber an allen anderen Tagen eben nicht.

Genauso unwirklich ist womöglich auch die Vorstellung, das neue Jahr läge vor dir wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier. Und du bist frei, darauf zu schreiben. Was du willst. Was nimmst du dir vor, was willst du verändern, willst du dich neu erfinden, du hast die Freiheit! Bei dem Gedanken wird’s mir schon zuviel: Ich nehm mir nächstes Jahr nix vor. Die alten Vorsätze sind alle noch gut, die liegen ungebraucht im Schrank. „Frau Lehrerin, müssen wir nächstes Jahr wieder machen, was wir wollen?“

Das klingt alles wie im Jochen-Schweizer-Prospekt. Mach was aus deinem Leben: „Du bist, was du erlebst!“ OK, nichts gegen ein bisschen Abenteuer im nächsten Jahr. Kerstin und ich haben zur silbernen Hochzeit von Jochen Schweizer ein Wochenende in Hamburg mit Besuch in der Elbphilharmonie geschenkt gekriegt. War total schön. Aber dann habe ich den Satz im Jochen Schweizer Prospekt gelesen, und dachte nur: Der ist doch krank: Dir wird so lange diese Art von Freiheit und Abenteuer von der Erlebnisdiktatur eingebimst, bis du diesem künstlichen Freiheitsgefühl des gelenkten Massentourismus mit Individualreisenanspruch für alle wirklich glaubst. Und natürlich hast du immer das Gefühl, du hättest noch nicht genug erlebt. Das wollen die ja genau. Das ist klassische Bedarfsweckung. Von wegen Freiheit und Abenteuer. Gelenkt und manipuliert wirste!

So manche Freiheit entpuppt sich als subtile Form der Unmündigkeit. Du denkst, du hast die Wahl. Haste auch. Nur nicht, ob du überhaupt immerzu die Wahl haben willst. Dabei setzt echte Freiheit setzt voraus, dass du dich entscheidest und dich darum festlegst. Sie besteht gar nicht in der Wahlmöglichkeit, sondern erst, wenn du gewählt und dich festgelegt hast.

Da passt der Predigttext für diesen Jahreswechsel ganz gut, liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister. Er steht in Johannes 8 und ist eins von den merkwürdigen Gesprächen mit Jesus, wo die Leute ihn erstmal völlig missverstehen. Für die einen geht’s um Unabhängigkeit, für Jesus aber um echte Freiheit. Seine Gesprächspartner waren Juden, die sich zwar für ihn interessierten, aber eigentlich dachten, sie hätten schon alles. Wer zum auserwählten Volk Gottes gehört, wer also schon immer zur Familie gehört, der muss eigentlich nur noch alles richtig machen und sich brav an die Gebote halten, der braucht auf jeden Fall nicht mehr aus alten Bindungen befreit zu werden. Auch so eine schöne Illusion von Freiheit: „Entscheide selber und mach alles richtig.“ Als hätte das jemals funktioniert! Aber Jesus versucht ihnen was zu erklären. Also jetzt Johannes 8,31-36:

„Jesus sprach zu den Juden, die einst zum Glauben an ihn gekommen waren: Nur wenn ihr an meinem Wort festhaltet, könnt ihr wirklich meine Jünger sein. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. Sie entgegneten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und waren nie die Diener von irgendeinem Menschen. Wie kannst du da sagen: „Ihr werdet frei sein?“ Jesus antwortete ihnen: „Amen, Amen, ich sage euch: Wer Schuld auf sich lädt, ist ein Diener der Schuld. Ein Diener gehört nicht für immer zur Familie. Nur der Sohn gehört für immer dazu. Wenn also der Sohn euch frei macht, seid ihr tatsächlich frei.“

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister, ich finde diese Gespräche im Johnnesevangelium beim zweiten Lesen immer ziemlich aktuell: Wenn ich heute mit ganz normalen Leuten darüber reden würde, warum die denn unbedingt Jesus brauchen, käme ich für die meisten total vom fremden Stern, da würden viele ähnlich reagieren: „Wie, warum brauche ich Gott? Ich kann alleine auf mich aufpassen. Wie, Vergebung? Ich habe mir überhaupt nichts zu Schulden kommen lassen, jetzt red mir doch kein schlechtes Gewissen ein! Wie, Freiheit? Ich bin doch unabhängig, das lass ich mir doch nicht nehmen! Wie, Glaube? Warum soll ich mir von einem, und wenn es Jesus ist, vorschreiben lassen, was die Wahrheit ist und wie ich leben soll, ich kann doch meinen Kopf zum Denken nicht an der Garderobe abgeben, sondern muss selber entscheiden und unabhängig bleiben!“

Und dann ist dein Leben wirklich dein Projekt und du bist, was du draus machst, und es gelingt, wenn du alles richtig machst, und dein kommendes Jahr wird ein gutes, wenn du die richtigen Entscheidungen triffst. Ihr wisst ja schon, wie man Gott zum Lachen bringt.(Indem man ihm die eigenen Pläne erzählt)Aber hier ist, wie du ihn richtig auf die Palme bringst: Frag ihn, ob deine Entscheidungen die richtigen sind! Und ob du alles richtig gemacht hast.

Da würde Jesus antworten: „So, ihr Freibeuter, ich sag euch was: Ihr habt genau zwei Möglichkeiten. Diener der Schuld zu sein oder euch an den zu binden, der allein euch da rausholt, aus dieser Verstrickung, die sich vielleicht wie die Marlboro-Freiheit anfühlt.“ Jedenfalls könnte ich mir das vorstellen, dass Jesus so antwortet. Na gut, vielleicht hätte er das anders gesagt. Aber ich kenne zumindest ein Zitat von Martin Luther, das so ähnlich geht: „Die Sünde hat nur zwei Orte, wo sie ist. Entweder ist sie bei dir, dass sie dir auf dem Halse liegt. Oder sie liegt auf Christus, dem Lamm Gottes. Wenn sie nun dir auf dem Rücken liegt, so bist du verloren. Wenn sie aber auf Christus ruht, so bist du frei und wirst selig.”

Das Ideal der Autonomie ist nämlich eine Illusion. Bindungslosigkeit ist keine Freiheit. „Wir sind Diener von niemand“, betonen die Leute im Gespräch von Jesus. Da lachen ja die Hühner. Völlig ungebunden ist man nämlich ziemlich verloren. Oder ist ein Obdachloser, der nirgendwo vermisst wird, etwa frei? Der kann frei wählen, wo er hingeht, kann seine Tage nach Lust und Laune gestalten und hat nur wenig Gepäck, das ihn belastet. Nur mit zwei Plastiktüten und dem Allernötigsten ist der unterwegs. Er schläft im Freien, kann sich jeden Abend eine andere Bank als Nachtlager aussuchen oder unter einer Brücke Schutz suchen. Niemand wartet auf ihn, und keiner nörgelt an ihm rum. Auf niemanden muss er Rücksicht nehmen, sich nach keiner Uhr und keinem Termin richten. Er zahlt keine Steuern und muss kein Haus in Ordnung halten, keinen Garten pflegen, kein Konto verwalten. Er ist frei von Besitz, Ballast und Bindung. Klingt aber nur romantisch. Ist der wirklich frei? Bei aller Ungebundenheit ist der doch nirgendwo zu Hause und immer auf sich allein gestellt. Seine Freiheit ist Ungeborgenheit und Einsamkeit.

Im Freien sind wir gar nicht frei, sondern das ist Stress und Überlebenskampf. Der freie Fall ist nicht frei. Außer du bist einer von den Fensterputzern, die aus dem 100. Stock fallen, und auf der Höhe vom vierten Stock angekommen ruft der: „Also bis jetzt war‘s echt geil, besser als Achterbahn!“ Nur wenn du gehalten bist, kannst du frei sein. Nur in der Bindung der Liebe kann man sich frei entfalten, ohne abzustürzen und unterzugehen.

Bindung und Freiheit sind gar kein Widerspruch. Eine Mutter, die aus Liebe für ihre Kinder da ist, die deshalb echten Freiraum haben und sich entwickeln können, die hat sich frei dafür entschieden und ist dadurch zugleich ganz gebunden. Denn die Bindung ist gerade eine Folge der Freiheit. Freiheit entsteht erst in Geborgenheit und in der Liebe.

Überlegt mal: Wer ist freier – Einer, der alles hat und alles kann und nichts und niemanden braucht, der also total unabhängig ist – oder einer, der sich nicht mehr selbst ins Zentrum rückt, sondern anderen dienen kann? Ist also der Mächtige freier – oder der Liebende?

Wenn ich mir Jesus ansehe, ist die Sache ziemlich klar. Als ihm der Teufel die große Freiheit als totale Macht anbot, hat er ihn in die Wüste geschickt und die Abhängigkeit von Gott gewählt. Die Freiheit, die ich bei Jesus erkenne, ist eine, die sich in der Zuwendung zu anderen zeigt. Und in der Freiheit von der Selbstbezogenheit, also von der Autonomie, die die Freiheitsvorstellung ist, die sich eigentlich immer gegen Gott richtet. Da ist Freiheit die Emanzipation von Gott. Und stellt die Machtfrage. Sein Wille – oder meiner. Im Grunde ist diese Freiheit eine Verkleidung dafür, was die Bibel Sünde nennt. Und davon war Jesus völlig frei.

Und hier liegt wirklich der Grund unserer Freiheit: Weil die daher kommt, dass Jesus sich an uns gebunden hat! So wie die Mutter an ihre Kinder. Zu ihm zu gehören, wirklich zur Familie zu gehören, das macht dich wirklich frei. Die schafft Freiräume, wo deine Liebe sich entfalten kann.

Und erst dann bist du kein Sklave mehr: Kein Sklave deiner Sucht, nie wirklich zufrieden sein zu können und immer mehr zu brauchen. Du bist kein Sklave dieser Selbstverwirklichungs-Diktatur. Du bist kein Sklave der Angst mehr, im Leben zu kurz zu kommen und nicht lange genug zu leben, um alles mal mitgemacht zu haben. Du bist nicht mehr, was du erlebst, sondern wen du liebst. Das ist die Wahrheit. Die macht dich frei.

Überleg doch im neuen Jahr mal, wem du dienen möchtest. Wer dich braucht. Und wie du im kommenden Jahr Gott dienen kannst. Nicht, weil du musst, sondern weil du willst. In vollkommener Freiheit.

Amen.