20.01.19 – Armin Kistenbrügge – Wasser zu Wein

Predigt von Armin Kistenbrügge am 20.01.2019 über Johannes 2, 1

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister,

Am Anfang eines Jahres soll man ja anstoßen. In Greifenstein machen wir das heute auch, zum Neujahrsempfang.

Wer weiß, was sozusagen die erste „Amtshandlung“ von Jesus war, nachdem er getauft, also eingesetzt war und seine Jünger zusammen hatte? Man höre und staune: Eine Party feiern, oder besser gesagt eine Hochzeitsfeier vor der Blamage retten. Jedenfalls erzählt das Johannesevangelium das so. Normalerweise gilt der Grundsatz: „Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.“ Bei Gott scheint das Feiern zuerst zu kommen. Das muss daran liegen, dass der Grund zum Feiern immer noch größer ist als die Pflichten, die einen in Anspruch nehmen.

Ich lese euch den Predigttext für heute vor.

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.“

Johannes 2, 1

Apropos: Manche denken ja immer noch, Christen könnte man nicht einladen, weil die als Spaßbremsen gelten. Bei Jesus war das offensichtlich nicht so. Der galt unter den Pharisäern sogar als „Fresser und Weinsäufer“. Jesus scheint hier aber anonym, als normaler Junge aus dem Dorf auf das Fest zu gehen. Man kennt ihn gar nicht anders, und er kann sich völlig unbehelligt unter die Festgesellschaft mischen. Und dann ist nicht er die Spaßbremse, sondern ein Problem: Zuwenig eingekauft. Es ist nicht genug zu trinken da.

Ich lese weiter:

„Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr.“

Ich muss hier nochmal anhalten: Merkt ihr, was in diesem Satz alles mitschwingt? Ihr kennt vielleicht die „vier Ohren“ des Kommunikations­wissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun,mit denen man einen Satz hören kann: } Erste Möglichkeit: Wenn deine Frau neben dir im Auto sitzt und du am Steuer, und sie sagt: „Es ist grün“, dann kann man das natürlich als reine Sachinformation betrachten und auch so reagieren: „Ach, so heißt die Farbe auf diesem Lichterbaum da. Wusste ich gar nicht. Und was bedeutet das?“ So könnte man den Satz von Maria auch verstehen. Und entsprechend antworten: „Ach, das ist aber schade.“} Ich komm noch mal zurück auf den Satz an der Ampel.Den kann man auch als Appell, als Aufforderung hören: „Es ist Grün. FAHR ZU!“ Und dann entsprechend reagieren und Gummi geben. } Darin, und das ist das Dritte, steckt natürlich auch eine Bewertung der Beziehung zwischen den Gesprächspartnern. „Es ist grün. Brauchst du eine Brille? Nie passt du auf. Du bist so eine Trantüte. Der Opel neben uns hat schon einen Kavallierstart hingelegt und wir stehen hier seit vier hundertstel Sekunden und sind immer noch nicht vom Fleck.“ Wenn der Fahrer dann so reagiert: „Fährst du oder fahre ich?!“, ist schon klar, wie der den Satz gehört hat. Nämlich als Tritt in den Hintern. } Zum Schluss könnte so ein Satz auch als „Selbstoffenbarung“ gehört werden, womit der Gesprächspartner etwas über sich mitteilt: „Es ist grün, ich hab‘s furchtbar eilig, bitte gib Gas.“

So ähnlich war das zwischen Jesus und seiner Mutter wohl auch. Was denkt ihr, hat Jesus geantwortet? Überlegt eine Sekunde, versucht euch einen Satz zurecht zu legen, wenn ihrs nicht sowieso schon wisst. Hier die Antwort von Jesus, der offensichtlich den Appell seiner Mutter gehört hat:„Jetzt tu doch was, Junge! Zeig dich den Leuten, damit sie sehen, wer du bist und was du darstellst …“„Jesus erwiderte (offensichtlich ziemlich genervt):

„Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

Maria, echte Mutter, stört sich daran wenig. Sie kennt ihren Sohn und nimmt ihn mit dem, was er sagt, nicht so richtig ernst. Es ist ein bisschen so wie bei Müttern: „Ja, ja, red nur, Sohnemann, hinterher machst du ja doch, was ich sage. Und so kommt es auch: „Seine Mutter sagte zu den Dienern (mit einem Augenzwinkern:) „Was er euch sagt, das tut!“

Schöner Satz, den könnte man sich rahmen lassen, wäre er in einem anderen Zusammenhang gefallen. In der Verklärungsgeschichte gibt es so einen ja auch, nicht von der Mutter, sondern vom Vater: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen habe. Auf ihn sollt ihr hören.“

Es geht weiter in der Geschichte. „Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge (zum Füßewaschen), wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: „Füllt die Krüge bis zum Rand mit Wasser!“ Und sie füllten sie bis zum Rand. Dann gab er das Kommando:“ Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es.“

Ich muss schon wieder unterbrechen, es ist einfach zu komisch. Merkt ihr, was Jesus macht: Der Wein ist in den Amphoren zum Füßewaschen. Fast hätte er noch Wasser aus der Kloschülssel schöpfen lassen! Er macht sozusagen aus Spülwasser Spitzenwein.

„Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste betrunken sind, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten!“ So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.“

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister, Ich finde das schön, wie Jesus im Johannesevangelium seine Herrlichkeit offenbart: Nicht einschüchternd, sondern indem er die Festfreude rettet. Vielleicht ist das öfter als wir denken das Zeichen der Gegenwart und des Wirkens Gottes für normale Menschen, wenn unverhofft die Freude wiedergewonnen wird.Darüber hat Lothar am letzten Abend unserer Bibelwoche über den Philipperbrief gesprochen. Christen sollen in ihrer Umwelt jedenfalls nicht als Spaßbremsen wahrgenommen werden. Sondern als „Helfer zur Freude.“ So hat sich der Apostel Paulus mal für die Korinther Gemeinde bezeichnet. Also nicht als Zuchtmeister oder Hilfssheriff.

Ist aber leicht gesagt. Bei uns kommt auch nicht immer bloß Freude auf. Nichts ist auch nervender als immerzu Stimmung zu machen. Wir stehen manchmal ja auch rum, und von allem ist zu wenig da. Zu wenig Energie, zu wenig Lust, zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Und uns geht manchmal – jetzt nicht der Wein – aber sonst alles aus, was nötig ist, um Menschen gut zu tun und wirklich mit Gottes Evangelium in Kontakt zu bringen.Wir haben von allem zu wenig. Peinlich, wenn wir das den eingeladenen Gästen eingestehen müssten: „Liebe Leute, es nicht genug für alle da. Es werden nicht alle satt. Geistlich. Und fröhlich auch nicht. Wir haben einfach nicht genug Freude für alle.“ Die Stimmung kippt.

Ich versuche es noch mit einem Gedicht:

Ich sprach nachts: Es werde Licht! – Aber heller wurd‘ es nicht. Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ das sein. Ich sprach: Lahmer, Du kannst gehn! Doch er blieb auf Krücken stehn. Da ward auch dem Dümmsten klar, dass ich nicht der Heiland war.“

Robert Gernhardt

Aber da sagt plötzlich einer: „Zeigt doch mal, was ihr habt. Ah so, Wasser. Ihr kocht also auch bloß mit Wasser.“ Und dann nimmt er unser geistliches Wasser und verwandelt es, ohne dass wir was merken, in Heiligen Geist: Die Lieder gehen zu Herzen. Obwohl es lahmt und überhaupt nicht zu grooven scheint. Augen glänzen. Ohren sind gespitzt. Leute trauen sich, von ihrem Glauben zu erzählen. Sie teilen sich mit. Sie teilen Freude und Sorgen. Sie sind aufmerksam aufeinander. Der Gottesdienst ist gerettet. Die Gemeinde auch.Und das war offensichtlich Jesus, der bei uns anonym zu Gast war. Merken wir hinterher. Die andern wundern sich, aber wir wissen: Wir waren es nicht. Wie damals in Kana.

Vielleicht ist der Knackpunkt ja nicht, dass in unseren Krügen bloß Abwaschwasser ist. Sondern dass wir anfangen zu danken über dem Wenigen, was wir haben, so wie bei der Speisung der 5000,  und einander zuflüstern: „Was Er euch sagt, das tut.“ Jesus kann auch bei uns aus dem Wasser, mit dem wir alle kochen, wie alle anderen, den Wein der Freude machen. Amen.