27.01.19 – Armin Kistenbrügge – zur Jahreslosung

Suche den Frieden und jage ihm nach (Psalm 34,15)

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister! Welche Ziele hast du dir fürs kommende Jahr gesteckt? Also ich hab‘s ja schon erzählt, ich nehm‘ mir dieses Jahr nix vor. Die alten Vorsätze sind alle noch gut, die liegen alle noch unausgepackt im Schrank.

Aber jetzt mal ernsthaft: Wofür würde sich die Mühe lohnen? Wofür strengst du dich an? Eigentlich wäre die Jahreslosung fürs kommende Jahr schon was: „Suche den Frieden und jage ihm nach“, steht da.

Ich finde schon, dass wir mehr Frieden gebrauchen könnten. Dafür muss man sich schon anstrengen. Und ihn suchen. Womöglich läuft der uns nicht wie selbstverständlich hinterher. Und ist immer da, dass man‘s irgendwann gar nicht mehr merkt. Der Krieg, der hat einen geölten Mechanismus, der läuft alleine. Der Frieden hängt immer davon ab, ob ihn die Menschen wirklich suchen.

Die Welt ist letztes Jahr auch nicht sicherer geworden. Und bei uns geht die politische Kultur langsam den Bach runter. In den sozialen Netzwerken hauen sie sich die schlimmsten Sachen um die Ohren. Da kann ich schon verstehen, dass man sich bei Twitter und Facebook abmeldet, weil man die Häme und die Gülle, die da literweise ausgekippt wird, nicht mehr erträgt. Ich frag mich manchmal, wo diese Aggression bloß herkommt.

Fast hat man den Eindruck, der Krieg jeder gegen jeden fängt auf dem Kinderspielplatz an und reicht bis zum Verhandlungstisch, wo sie Handelskrieg spielen: „Haust du mir mein Förmchen kaputt, tret ich dir ein Ei ins Dreirad.“ Konkurrenzkampf überall. Und dann läuft auch noch das Dschungelcamp wieder. Erbarmen!

„Kauft Frieden! Bald ist er alle“, stand mal als Graffito an einer Wand. Vielleicht machen wir uns wirklich auf die Suche. Nach Frieden. Habt ihr eine Ahnung, wo? Der scheint ja scheu zu sein. Es soll ihn sogar mal einer bei der Bundeswehr gesucht haben: Eignungstest für die neuen Rekruten. „Männer, warum habt ihr euch zur Truppe gemeldet?! Sagt der erste mit bebender Unterlippe: „Ich hab keine Frau und suche den Kampf“. Meint der zweite gleich: „Ich hab eine – und suche meinen Frieden!“

Schlechter Scherz beiseite. Nach Frieden jagen ist ein bisschen wie „Seid mal ruhig!!“ zu brüllen, finde ich.

Der Lebensrat, den der Psalm 34 gibt, aus dem unsere Jahreslosung stammt, klingt da abgeklärter. Fast so wie der altersweise Rat vom Opa, ein echter Großelternsatz. Hört mal auf den Originalton:

„Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren. Wer ist’s, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes. Suche Frieden und jage ihm nach!“

Psalm 34,12-15

Also: Wenn du gut leben willst, dann suche Frieden. Klingt zwar altväterlich, taugt aber durchaus als Ansage für fürs Benehmen in sozialen Netzwerken und anderen Marktplätzen, wo normalerweise geguckt wird, wer der Lauteste ist und wer den größten hat.

OK, „lass ab vom Bösen und tue das Gute, und sei schön friedlich“, das klingt nach Wilhelm Busch: „Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt“. Das ist eine Gardinenpredigt, der man nicht widersprechen kann und nur sagt: „Ja, ja, Opa, ist gut jetzt.“ Aber er hat ja Recht.

Das ist ein bisschen so wie in der Geschichte, wo ein Opa auf dem Kinderspielplatz dabei zuguckt, wie die Kids Krieg spielen, mit Stöcken als Maschinen­pistolen rumknattern und sich gegenseitig umballern, und dann ruft er: „Kinder, hört doch damit auf, immerzu Krieg zu spielen! Bitte, ich kann das nicht sehen!“ Die Kids halten inne, stehen ein bisschen bedröppelt da, und dann fragt einer: „Und wie spielt man Frieden?“ Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, wenn es nicht darauf hinauslaufen soll, dass es irgendwie langweilig wird, man nur noch „Häschen in der Grube“ spielen darf und Toben verboten ist.

Aber eigentlich geht’s in der Jahreslosung genau darum: Lernen zu wollen, wie Frieden geht. Damit der Frieden nicht immer bloß der Rest ist, den der Krieg aller gegen alle von uns noch übriglässt.

Das ist es wirklich wert, dass man sich dafür anstrengt: Zum Beispiel der Lehrer, der seine ganze Kraft investiert, damit die Kids sich in seiner Klasse nicht an die Gurgel gehen und das Mobbing zur praktizierten Leitkultur wird. Sondern dass die so was wie Einfühlungsvermögen lernen. Oder ein Pastor, der sein Leben lang gepredigt und dafür geworben hat, dass eine Gemeinde mehr ist als eine fromme Clique, die auf die weniger Frommen oder religiös Unmusikalischen runterguckt und für sich die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift reklamiert. Kennt ihr das auch, diesen protestantischen Spaltpilz, wo man dem anderen bei der kleinsten Meinungsverschie­denheit den Glauben nicht mehr glaubt und in der eigenen geistlichen Filterblase nur noch zulassen kann, was der eigenen Selbstbestätigung dient?

Und als drittes Beispiel fällt mir der Politiker ein, der sein Herzblut gegen alle Leitartikel-Häme in den Interessenausgleich steckt. Und die dann im Kommentar trotzdem schreiben: „Was für ein fauler Kompromiss“. Aber versuch mal, den Ausgleich zu finden im Dickicht der Lobbyisten, die dafür bezahlt werden, ihren Vorteil durchzubringen, egal zu welchem Preis, und die anderen über den Tisch zu ziehen. So könnte das auch aussehen, den Frieden zu suchen: Frieden ist nämlich manchmal schlicht „gelingende Auseinandersetzung“.

Habt ihr auch den Eindruck, dass das gegenwärtig Mangelware ist? Wo ich hingucke, finde ich gespaltene Gesellschaften. Die Engländer können sich nicht mal drauf einigen, wie sie gegen Europa sein wollen. In Amerika ist seit vier Wochen Stillstand, die Behörden haben zu, weil sich Parlament und Präsident gegenseitig gegens Schienbein treten. In Frankreich haben sie die Nase gestrichen voll von ihrer Regierung, fühlen sich nicht ernstgenommen, und so weiter. Überall Spaltung statt Friedenssuche.

Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die den Frieden immer noch suchen und aufgeben. Der Frieden ist nämlich leider nicht im Internet bestellbar. Den kriegste nicht fertig zu kaufen als Instant-Harmonie-Soße zum Anrühren. Der muss wachsen. Du kriegst immer nur die Saat dafür, und die wächst langsam. Als Frucht auf dem Acker der Gerechtigkeit. Und du musst ihn düngen mit Toleranz und Geduld.

Der Frieden bricht auch nicht irgendwann einfach aus. Das wär schön, wenn‘s so einfach wäre: „Stell dir vor, es ist Frieden und alle gehen hin.“ „Komm, wir ziehn in den Frieden“, näselt Udo. Es ist immer leicht, für den Frieden auf die Straße zu gehen. Aber es ist ungleich schwerer, das ohne Feindbilder zu tun.

Klar muss man lernen, wie man Frieden spielt. Weil man so schnell vergisst, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber niemals, wo das Beil liegt“, sagt Mark Twain. Die Aggressivität bleibt eben trotzdem.

Wenn du den Frieden bloß bei dir und den anderen suchst und an den guten Willen appellierst, wird das mit der Suche nichts. Wenn du wirklich Frieden suchst, findest du ihn am ehesten bei Jesus. Dem Friedensfürsten. Der Friede zieht sich wirklich als roter Faden durch die Jesusgeschichte: Zuerst ist der Jesus schon in die Wiege gelegt. Mitten im großen Chaos einer menschengemachten Völkerwanderung singen die Engel vom Frieden, und das Kind in der Krippe kriegt keinen Schreck und fängt an zu heulen, sondern schläft zufrieden. Eigentlich ist die Weihnachtsgeschichte doch die Erzählung davon, wie Gott den Frieden doch noch auf die Erde gebracht hat. Gewaltlos, mit Liebe und mit Vergebung. Den Menschen wirklich Frieden zu bringen, der nicht sofort kaputtgeht, sobald die Menschen ihn in die Finger kriegen, dazu war Jesus gekommen. Um dem tiefen Unfrieden, in dem die Menschen mit sich selber und mit Gott lebten, zu überwinden. Und das ging weder durch Überredung oder Einsicht noch durch Verhandlung oder Macht, sondern durch den Verzicht auf das alles. Das ging nur durch Liebe, die auch um das Leiden und den Tod keinen Bogen macht. Allein das hat den Krieg zwischen Himmel und Erde beendet. Aber das ein für alle Mal. Kurz vor seinem Ende, am Vorabend seiner Verhaftung, schenkt Jesus diesen Frieden seinen Jüngern: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht so, wie die Welt gibt“, sagt er im Johannesevangelium (Joh. 14,27). Und als der Auferstandene seinen Freunden wieder begegnet, grüßt er sie mit diesem Friedensgruß: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh. 20,21) Als Friedensboten. Das ist übrigens der gleiche Friedensgruß, den wir uns gegenseitig beim Abendmahl zusprechen. Diesen Frieden sollen wir weitergeben. Damit auch andere ihn finden. Denn Frieden findet nur, wer bereit ist, ihn zu geben.

Dieser Frieden wird sich unaufhaltsam durchsetzen. Das ist die Botschaft des Evangeliums. Die könnte man doch auch mit diesen drei Worten zusammenfassen, erinnert ihr euch, an Heilig Abend hatte ich auch drei Worte dafür, aber jetzt die hier: „Der Frieden gewinnt.“

Wisst ihr warum? Nicht weil der Frieden stärker ist. Oder lauter. Was man mit Gewalt gewinnt, kann man auch nur mit Gewalt behalten. Sondern weil er von Gott kommt. Weil er die Menschen nicht unterdrückt, sondern befreit. Weil er aus der Gerechtigkeit wächst. Und aus der Liebe: Weil die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht schon gesiegt hat, deshalb findet die Welt Frieden. Und weil dieser Frieden aus der Wahrheit entsteht. Die Wahrheit, das ist, was sich am Ende durchsetzt. Immer. Eine Lüge kann nie ewig bestehen.  Deshalb gewinnt am Ende der Frieden. Glaubt ihr das? Dann sagt Amen!

Amen.