20.10.19 – Armin Kistenbrügge – Gott lieben

Predigt über Jesaja 54, 7-10

Liebe Edinger Geschwister!

Gott liebe mit ganzem Herzen und ganzer Kraft.

Das sagt sich so leicht. Eigentlich ist das unmöglich. Weil diese Liebe irgendwann mal enttäuscht wird. Weil Gott nicht einfach lieb ist.

Aber beim zweiten Nachdenken wird mir klar, dass so gesehen Liebe überhaupt nicht möglich ist. Denn wie kannst du jemanden lieben, der dich verletzt oder enttäuscht hat? Aber genau das passiert unweigerlich, wenn man sich nahe ist. Die, die du liebst, verletzt du am tiefsten! Echte Liebe ist immer eine, die diesen Bruch ausgehalten oder verwandelt hat.

Denn jemanden zu lieben bedeutet nicht, ihn einfach nur gut zu finden. Oder schön oder liebenswert. Lieben bedeutet, ihn mit den Augen Gottes anzusehen. Und das Krasse ist jetzt: Das gilt auch für die Liebe zu Gott. Den kannst du auch nur so lieben, wie Gott selber uns liebt. Sonst könntest du ihn nur manchmal lieben, und die meiste Zeit fürchtest du dich vor ihm oder verstehst ihn nicht.

Aber unser Glaube ist gekennzeichnet genau durch diesen Bruch in der Liebe. Es gibt zwei zentrale Enttäuschungen und Brüche der Gottesliebe: Wo so ein unbekümmertes „Gott ist toll und ist immer bei uns“ kaputt gegangen ist. Und erst danach hatte dieser Glaube eine Tiefe, die Enttäuschung und Verletzung heilen kann. Der erste große Bruch war im Alten Testament das babylonische Exil. Wo es so schien, als hätte Gott sein Volk verlassen. Und der zweite Bruch war das Kreuz, als klar wurde, dass Gottes Liebe um das Leiden keinen großen Bogen macht. Und nicht mal sich selber verschont.

Ich habe heute einen Bibeltext für euch, der spielt in der Zeit des Babylonischen Exils. Und hat mit diesem Bruch des ungetrübten Gottvertrauens zu tun. Ein Stück aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 54, Vers 7-10. Das war ursprünglich gedacht für verzweifelte Verbannte im fremden Land. Alles Glaubende, deren Gottvertrauen in ihren Grundfesten erschüttert war. Sie waren aus Israel verschleppt worden und fristeten ihr Dasein in Baracken am Rande der Großstadt Babylon. Und diesen Verzweifelten verspricht der Prophet, in dem er Gott zu Wort kommen lässt:

„Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in wallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser, der Herr. Wie in den Tagen Noachs soll es für mich sein. So wie ich damals schwor, dass die Flut Noachs die Erde nie mehr überschwemmen wird, so schwöre ich jetzt, dir nie mehr zu zürnen und dich nie mehr zu schelten. Auch wenn die Berge von ihrem Platz weichen und die Hügel zu wanken beginnen – meine Huld wird nie von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, der Erbarmen hat mit dir.“

Was wiegt schwerer: Gottes Zorn oder sein Erbarmen? Was dauert länger? Was ist ein Augenblick gegen die Ewigkeit? Entscheidend ist doch, was bei Gott das letzte Wort hat.

So versucht der Prophet die Leute zu trösten, denen die Lebensfreude verloren gegangen ist, weil sie denken: „Gott hat mich verlassen.“ Nicht, dass ihr denkt, dass alte Menschen mit schlimmen Erfahrungen und zerbrochenem Glauben einfach so zu trösten wären und mal eben neue Hoffnung schöpfen könnten.

Das wär schön, wenn die Erfahrung der Gottverlassenheit bloß ein Gefühl wäre – wie bei einem kleinen Jungen, der alleine im Kindergarten bleiben soll. Bis halb zwölf, wenn ihn die Mama wieder abholt. Also eine Ewigkeit. Ihr kennt das: Bei Kindern ist „Ich kann die Mama nicht sehen“ gleichbedeutend mit „Die Mama ist weg. Sie hat mich verlassen. Sie kommt nie mehr wieder. Nun muss ich bis ans Ende meiner Tage, also in ungefähr 10 Minuten oder in drei Milliarden Jahren, mutterseelenallein mein Dasein in der Fremde fristen. Die Welt geht unter.“ Selbst wenn die Mama nur kurz mal weg war.

Ohne Mama stürzt so ein Dreikäsehoch in den Abgrund existenzvernichtender Verlassenheit! Könnt ihr euch an eure Kinder erinnern, welche Panik im Kaufhausgewimmel aufkommen kann, wenn die Mutter noch was vergessen hat, noch mal zurück in die Kurzwarenabteilung flitzt und der kleine Matz so lange an der Kasse warten soll, dauert nicht lange, sie kommt ja gleich wieder, aber dem Zwerg steht die Panik ins Gesicht geschrieben: „Ich alleine im riesigen Kaufhaus ohne meine Mama an der Hand!! Was mache ich, wenn sie nicht wiederkommt, wenn sie zwischendurch entführt wird oder sich verläuft oder einen anderen Jungen findet, der ihr besser gefällt und ich bleibe hier und werde nicht mehr abgeholt?!“ Die Unterlippe fängt an zu vibrieren, die Augen füllen sich bis zum Rand, und nach der Ewigkeit von 4,3 Sekunden mütterlicher Abwesenheit schallt es markerschütternd durch den Kaufhof: „Mama, warum hast du mich verlassen!“ Aber da kommt die Mama schon angestürzt, nimmt ihren verschollenen Robinson wieder in den Arm, der schluchzt noch, „Ich hab so auf dich gewartet“, und dann ist das Trauma der Verlassenheit auch schon wie weggeblasen.

So wird das sein, wenn Gott uns mal nach allen Schmerzen, allen Verlusten, aller Ungerechtigkeit in den Arm nimmt und angesichts der Ewigkeit jedes zeitliche Leiden aufgehoben ist.

Aber ist dann alles einfach vergessen? Geht die Zeit in der Ewigkeit unter, und die Erinnerung an die Einsamkeit, an die Schmerzen, an die Gottverlassenheit im Leiden verblasst langsam oder wird so nebensächlich wie die vergangenen Geburtswehen, wenn das Kind erst mal da ist?

Ein Schatten auf der Glaubenserfahrung bleibt. Wie lange dauert denn eine kleine Weile? Das ist eine Frage der Perspektive. Ein Augenblick kann eine gefühlte Ewigkeit dauern, wenn man leidet. Nicht nur als kleiner Junge verlassen auf dem Rummelplatz.

Auch wenn Gott wieder da ist, wieder erkennbar ist, fühlbar und tröstend gegenwärtig und nicht mehr unerreichbar und abstrakt: Wo war er vorher? Es gibt doch die Erfahrung, dass man sich von Gott verlassen fühlt:

Alleingelassen mit der Krebsdiagnose.

Alleingelassen, nachdem die Frau gestorben ist.

Alleingelassen nach der Scheidung.

Alleingelassen mit dem Scheitern im Beruf. Mit dem behinderten Kind. Wenn dein Lebensglück unerreichbar weit weg ist. Und auch nicht wiederkommt. Wenn das Wort „Segen“ für dich einen zynischen Klang bekommt. Dein äußeres Ergehen, was du dein Schicksal nennst, das hat eben doch Auswirkungen darauf, ob du Gott von einer freundlichen Seite erkennen kannst oder in dir langsam der Gedanke hochkriecht, dass Gott dich irgendwie vergessen haben muss. Nicht nach dir fragt. Du hast es besser gelernt, ja. Aber wehr dich mal mit deinem Glaubenswissen gegen dieses Gefühl. Ist gar nicht so leicht.

Ihr kennt alle das Gleichnis von den Spuren im Sand: Dass du in deinem Leben im Rückblick mal zwei Spuren, mal nur eine siehst, und Gott dir erklärt, dass er dich getragen hat, dort, in den schweren Zeiten, wo du nur eine Spur im Sand siehst und denkst, es wäre deine eigene gewesen. Es ist wirklich schön. Vielleicht aber ist das doch ein frommer Wunsch, dass Gott uns trägt, auch und gerade, wenn wir davon nichts spüren, wenn alles dafür spricht, dass du gerade nicht von Gottes Armen umfangen bist, sondern runtergefallen bist und im Dreck liegst.

Das ist womöglich eben nicht nur ein Gefühl, sondern die Frage dahinter ist noch härter: Gibt es das nicht doch: Von Gott wirklich verlassen zu sein? Es heißt immer: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hände. Was ist, wenn das gar nicht stimmt? Wenn’s doch noch tiefer geht? Wenn Gott einen vielleicht doch verlässt. Fallen lässt, seine Hand wegzieht, und man tiefer fällt, ins Bodenlose, ins Nichts?

Die Frage lässt sich einfach nicht abweisen: „Gott, wo warst du?“ Wo warst du, als sie in Nigeria die Kirche angezündet, als sie die christlichen Mädchen verschleppt und versklavt haben? Wo, als der Tsunami über Sumatra oder über Japan raste? Wo im Ghetto von Warschau, im Lager in Treblinka?

Die Frage ist nicht so einfach und preiswert zu beantworten, dass man einfach nur eine schöne Metapher bräuchte, um einen zu trösten.

Es gibt sie. Die Gottverlassenheit. Die Abwesenheit Gottes. Dass Gott nicht hört, nicht antwortet, nicht da ist. Bei Jesaja steht: Ich habe dich eine kleine Weile verlassen. Aber verlassen hat er sie eben doch! Die Verlassenheit ist keine bloße Illusion. Selbst eine kleine Weile Gottverlassenheit bedeutet eine kleine Weile Fall ins Nichts.

Gegen diesen Abgrund von Gottverlassenheit käme der Trost des Propheten auch mit noch so viel Beschwörung nicht an. Da könnte Gott schwören so viel er wollte: Sein Erbarmen wäre nur relativ und trüge immer den Schatten des möglichen Verlassenseins. Und wenn’s nur für kurz wäre.

Ich habe nur ein Argument dagegen. Ein einziges. In diesem Schwur Gottes: „Ich verlasse dich nicht für ewig“ steckt doch noch mehr drin: Dieser Bund des Friedens für die Verbannten im babylonischen Exil, wo der Prophet Jesaja das gesagt hat, der weist voraus auf den neuen Bund, den Gott sich selbst ins Herz schreibt. Mit Herzblut. Für den Gott selber sein Leben einsetzt. Ein Bund, der Blutsbande schafft, eine Verbindung, für die Gott sich selber verlässt. Sich selber loslässt, sich nicht festhält, sondern sich hingibt.

Der Schrei von Jesus am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ war keine Illusion, die dadurch getröstet werden könnte, dass einer kommt und sagt: „Sei nicht traurig, Gott hat dich gar nicht verlassen, sieht nur so aus, er ist dir aber in Wirklichkeit nahe.“

Jesus hing in der Tat einsam am Kreuz. Nicht umstellt von Engeln. Wer die Sünde trägt, die uns von Gott trennt, und von dem es heißt, er sei hinabgestiegen, der hat die Gottverlassenheit wirklich ertragen. Das Nichts. Die Vernichtung. Da war keine Hand mehr drunter. Aus dieser Tiefe wurde Jesus gezogen, nach einer kleinen Weile, nach drei Tagen, aus dem Nichts hervorgeholt, auferweckt.

Das ist der Grund, dass sogar die Vorstellung der Gottverlassenheit auszuhalten ist, weil du sogar ohne Gott, ohne seine Hilfe, ohne seine Antwort, ohne seinen Schutz – nicht mehr ohne Jesus sein musst.

„Nur eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim“, das hat jetzt den Klang von Karfreitag und Ostern. Und deshalb, allein deshalb, werde ich niemals aufhören, Gott zu lieben. So lange ich atme.

Amen.