01.03.20 – Armin Kistenbrügge – Die Versuchungsgeschichte

Predigt über Matth. 4, 1-11 am Sonntag Invocavit in Greifenstein und Edingen

(Kanzelgruß)

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

Das Böse verkleidet sich gerne. Es liebt die Maskierung und die Fratze zum Erschrecken. In den letzten Tagen haben wir welche davon gesehen. Eine davon ist die nackte, brutale Gewalt. Wenn einer zur Tür reinkommt und Leute abknallt. In der Dönerbude in Hanau. Oder mit dem Auto Kinder überfährt. Einfach so. Ohne Erklärung. In Volkmarsen.

Was tut man gegen das Böse? Wie zerstört man die Werke des Bösen wirklich? Mit Härte, noch einer Verschärfung des Tons und einer neuen Runde Verschärfung der Gesetze, dem gesunden Volkszorn und einem Hass-Sturm auf Twitter? Noch jeder hat einen Zeigefinger, um auf einen zu zeigen und zu posten: Der da wars, der ist mitschuldig!

Und heimlich sitzt der Teufel hinterm Busch und reibt sich die Hände. Und eh wir uns versehen, sind wir ihm ins Netz gegangen. Haben uns verführen lassen. In Versuchung führen.

Man kommt gegen das Böse nicht mit weltlichen Mitteln an. Man kann damit Menschen schützen und muss das auch. Aber das Böse bekämpfst du nicht mit Gewalt, nach dem Motto: „Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut.“ So spielen wir dem Bösen, dem Teufel, schön in die Hände. Die Werke des Teufels bekämpfst du nicht mit weltlicher Macht, sondern nur mit geistlichen Mitteln.

Wie so ein Kampf gegen das Böse oder den Bösen, also den Teufel aussieht, das zeige ich heute mit einer Geschichte aus dem Matthäusevangelium. Sie gehört traditionell an diesen ersten Sonntag in der Passionszeit. Es geht um die Versuchungsgeschichte.

Ihr hört also Matthäus 4, die Verse 1 bis 11.“Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt. Dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen, und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab, und es kamen Engel und dienten ihm.

Was zwischen Jesus und dem Teufel abläuft, geht tiefer und ist einschneidender als die Art und Weise, wie man normalerweise von Versuchung redet. Der Satan will Jesus nicht einfach verführen und mit ein paar Lockangeboten korrumpieren: Gutes Essen, Bonuszahlungen und soziale Absicherung vor dem Fall aus der Chefetage und der Stoff, der noch jeden Adrenalinjunkie süchtig gemacht hat: Macht. Ansehen. Sozialer Status. Alles nach dem Motto: Mal sehen, ob Jesus wirklich moralisch standhält und ohne Sünde ist. Ohne Existenzangst, Selbstbezogenheit und Eitelkeit. Jeder Mensch ist käuflich. Wann wird einer korrupt? Wo wird er schwach? Wo ist er zu packen: Bei seiner Gier? Bei seiner Angst? Bei seiner Eitelkeit? Überleg mal. Wo bist du zu packe? Ich geb‘ dir einen Tipp: Du bist nicht an deiner Schwäche am verwundbarsten. Sondern an deiner größten Stärke.

Das ist aber wie gesagt nicht das einzige. Ob Jesus moralisch standhält. Es reicht noch tiefer. Der Teufel will viel mehr. Er will Jesus umdrehen. Es handelt sich hier um einen versteckten Bekehrungs­versuch. Der Teufel will Jesus für sich. Er will aus ihm einen falschen Messias machen. Einen Verführer im Lichtkleid. Einen „Luzifer“. Ein wahrhaft teuflischer Plan: Nichts wäre für die Verhinderung des Reiches Gottes nachhaltig wirksamer, als wenn der echte Retter de facto für die Gegenseite gespielt hätte. Ein Doppelagent. Das ist noch mehr, als wenn es damals der Stasi gelungen wäre, den Bundeskanzler umzudrehen. Und wie schmal der Grat ist, das möchte ich euch heute zeigen.

Es geht hier nämlich wirklich um die Mission des Messias, des Retters. Warum er zu uns gesandt ist und um was es dabei wirklich geht. Die ganze Mission steht auf dem Spiel: Die Menschheit zu retten, aus ihrer Verstrickung in den Krieg aller gegen alle zu befreien: geht das nur so wie Jesus es getan hat?

Die Frage ist, was die Welt wirklich braucht – was wir wirklich brauchen.

  • Wenn unser größtes Problem wäre, dass wir einfach nicht wissen, wie die Welt gerettet wird, dann hätte Gott uns einen Oberlehrer oder einen Wissenschaftler geschickt. (Ihr dürft jetzt zynisch lachen)
  • Wenn unser größtes Problem Geld wäre, das einfach nicht für alle reicht, dann hätte Gott uns einen Wirtschaftsfachmann geschickt. (Ihr dürft jetzt dreckig lachen.)
  • Wenn unser größtes Problem Langeweile wäre, die an sich gute Menschen auf dumme Gedanken bringt, hätte Gott uns einen Entertainer geschickt. (Da gibt’s eigentlich überhaupt nichts mehr zu lachen.)

Aber unser größtes Problem liegt 30 cm tiefer. Unser Problem liegt im Herzen. Dass wir nicht selbstlos lieben können. Wir können schon lieben. Aber nicht selbstlos, ohne was zurückbekommen zu wollen. Unser größtes Problem heißt Sünde, sagt die Bibel dazu. Die bis in unsere Gene reicht. Also tiefer, als alle Anstrengungen zur sozialen und kulturellen und intellektuellen Zähmung des alten Adam reichen. Und weil das unser größtes Problem ist, hat Gott uns einen geschickt, der die Sünde an der Wurzel bekämpft: Jesus Christus.

Was muss der tun? Damit er uns wirklich rettet? Und nicht nur die Retter-Rolle ganz passabel darstellt? Es geht darum, ob und wie Jesus uns aus der Sünde wirklich retten kann. Und damit die Werke des Bösen zu zerstören. Und es euch hoffentlich schon jetzt klar, dass das nicht mit weltlichen Mitteln gelingt. Sondern dass das ein geistlicher Kampf ist. Diese Mission steht also auf dem Spiel, wenn es vordergründig um Brot aus Steinen geht, einen Engel, der dich auffängt und eine Krone auf dem Kopf. Es geht um unsere Rettung.

Erster Versuch: „Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, wenn du also wirklich Retter sein willst, wenn mit dir Gott auf die Welt kommt, dann mach aus Steinen Brot! Aus heißer Luft Energie! Aus Schwertern Pflugscharen! Wenn es Gott gibt, dann muss die Welt das doch merken! Was ändert sich denn mit dir und deinem Wirken wirklich? Außer dass Wein zu Wasser wird, ein paar Leute geheilt und ein paar anfangen zu glauben? Wenn mit dir angeblich die Welt gerettet wird, dann muss die doch gerechter werden! Dann musst du die Welt heilmachen! Dann können doch nicht Bänker Hunderte von Milliarden kriegen und mein Harz IV wird gekürzt! Und im ärmsten Teil der Erde fressen Milliarden Heuschrecken alles auf, was einen Halm aus der Erde streckt! Kennt ihr die Einwände? Das sind die Argumente gegen die Wirklichkeit Gottes. Von schlauen und von engagierten Menschen, die für die Gerechtigkeit auf die Straße gehen. Und die Welt zu ihrem Glück zwingen wollen.

Soll ich euch die Antwort von Jesus übersetzen? Was die Welt rettet, ist die Abhängigkeit von Gott, antwortet er: “Der Mensch lebt von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“

Jesus widersetzt sich der Versuchung, die Welt mit Kraft, mit Machtworten, mit Lösungen und Rettungskonzepten, letztlich aber ohne Gott in Ordnung bringen zu wollen. Und damit einer von den vielen gutmeinenden Weltverbesserern und Hoffnungsträgern zu werden, die an der Oberfläche der Umstände etwas zu ändern versuchen.

Zweiter Versuch: Wenn du Gottes Sohn bist, wenn du wirklich so rücksichtslos vertraust, wenn also Glaube die Welt rettet, dann zeig der Welt, welche Berge der Glaube versetzen kann! Wenn du dich schon nicht irgendwo runterstürzen willst, dann gibt’s auch noch andere heroische Möglichkeiten, deinen Glauben zu beweisen: Lehn die Bluttransfusion ab, wenn du eine brauchst! Verschenk deine Altersvorsorge! Hör vor allem damit auf, dich anzuschnallen, du Schisser!“

Kennt ihr ein paar Himmelfahrtskommandos, die als Glaubenstaten daherkommen? Die Versuche, Glauben als Heldentat zu verkaufen? Wo Vertrauen dazu führt, sich echt für was Besseres zu halten. Aber der Glaube, der Berge versetzt und dich aus der Tiefe zieht, ist keine Kraftspritze und kein Zaubertrank. Sondern der ist in der Schwachheit mächtig.

Es gibt ein Gottvertrauen, das geradezu frivol ist und sich als fromme Dreistigkeit ausgibt, als die Frechheit beim Beten und Bitten, von der im Neuen Testament als Geistesgabe geredet wird. Aber in Wirklichkeit wird hier nicht dein Glaube demonstriert, sondern das Verhältnis zu Gott umgekehrt: Gott wird auf die Probe gestellt. Gott muss zur Prüfung, und wir stellen die Prüfungsfragen und diktieren die Bedingungen, unter denen Gott wirken kann.

Hier deutet sich schon an, worauf das Ganze abzielt. Es geht darum, ob Jesus Gott die Ehre gibt oder sich selber. Wer ganz auf die Seite Gottes gehört, kann nicht heimlich Gott Konkurrenz machen, sondern gibt sich Gott ganz und gar hin. Diese Frage nach den Engeln wird Jesus bis zum Schluss verfolgen: „Mensch, wenn du schon Retter der Welt bist, dann könntest du doch mal bei dir selber anfangen! So einer wie du müsste doch Ruckzuck mit ein paar Engelsdivisionen aufwarten können. Am besten steig gleich vom Kreuz runter! Wenn du Messias sein willst!“

Ihr versteht vielleicht jetzt, warum Jesus so verspannt reagiert und seinen treuesten Jünger Petrus als Satan bezeichnet, als der ihn nach seiner Leidensankündigung in Schutz nehmen und vor dem Weg ins Martyrium bewahren will. Da sagt Jesus zu ihm: „Du willst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist! Du willst also, dass der Messias sein Werk nicht mit geistlichen Mitteln vollbringt. Du hast nichts kapiert. Gar nichts.“

Deshalb offenbart der dritte Versuch zum Schluss, dass der Teufel einen echten Bekehrungsversuch im Schilde führt: Beim früheren Lesen habe ich diesen letzten Versuch immer als den schwächsten gehalten, den plumpsten: Den Teufel anbeten – wer ist denn so blöd? Aber hier wird offenbar, um was es geht: Er, der Teufel, will Jesus alles zu Füßen legen. (Jemandem alles zu Füßen legen, das ist exakt die Formulierung des königlichen Anspruchs eines Messias: Ich muss jetzt mal eure Bibelfestigkeit auf die Probe stellen: Das geht los in Ps 110, wo Gott seinem König alle Völker zu Füßen legt, genau daran denkt Paulus 1. Kor 15,28 und Eph 1,22 und der Hebräerbrief 6,20.)

Der Teufel bietet ihm also die Abkürzung zum Ziel an: „Hör einfach mal zu: Wir könnten den ganzen Mittelteil mit dem Dienen und der Stellvertretung und dem Leiden abkürzen. Komm, jetzt sag nicht, dass du darauf Lust hast! Du bist doch so gut! Du bist einfach wunderbar. Verwirkliche dich doch selber! Ich helfe dir, dein Potential auszuschöpfen und gebe dir, was du verdienst. Und du wirst sehen, das alles kommt letztlich Gott zugute. Willst du wirklich die Prioritätenfrage auf die Spitze treiben und die Wohlfahrt der Welt gegen das erste Gebot aufrechnen? Grundsätzlichkeit ist der Feind des Friedens! Kann es nicht beides im Kompromiss geben?“ So argumentiert der Versucher. Also mich könnte der mit solchen Argumenten besoffen quatschen.

Aber Jesus setzt seine Vollmacht zum Widerstehen nicht durch Prinzipientreue durch. Sondern durch kompromisslose Demut. Und siegt gegen den Widersacher nicht durch Standhaftigkeit (das nur auf den ersten Blick!), sondern durch Schwäche. Seine wahre Vollmacht gewinnt Jesus gerade aus der Abhängigkeit von Gott! Die größte Versuchung ist: Großwerden ohne Gott! Siegen ohne Gott ist am Ende die größte Niederlage. Die größte Würde liegt gerade nicht in der eigenen Stärke, sondern in der Abhängigkeit von Gott. Jesus will schwach sein! Ein Retter, der abhängig ist von anderen, der bedürftig ist und nicht weiß, wer ihm Morgen was zu essen abgibt, der auf Schutz verzichtet und dem Auslieferungsgesuch der Menge nachgibt. Der siegt gegen den Versuch, ihn zum falschen Messias zu machen. Und zerstört so die Werke des Teufels.

So. Zum Schluss sage ich euch nur noch, was ihr davon habt; außer einen Herrn, der noch gegen jeden fiesen „teile und herrsche-Trick“ gewonnen hat.

Der Teufel möchte nämlich auch euch von eurem eigentlichen Ziel abbringen. Und kennt Tricks, da nützt euch eure Glaubensstärke nur bedingt: 4 Der spielt mit euren Ängsten und setzt seine Versprechen von Sicherheit und Ordnung dagegen, wie Zuckerbrot und Peitsche.4 Der verkauft dir deinen Glauben als die Taube auf dem Dach und bietet dir den realistischen Spatz in der Hand. 4 Der kann dir mit spitzfindiger Schriftauslegung die Sicht auf Gott nehmen. 4 Der spielt deine Werte gegen deine Bedürfnisse aus. 4 Der baut dich auf, damit du dich dann niederwirfst vor dem Machbaren, dem Sichtbaren, dem Vordergründigen. Der bietet dir die ganze Welt, wenn es sein muss, damit du darüber deine Seele verlierst und vergisst, warum du hier bist und dass du überhaupt eine Seele hast und bist. Mit dem gewinnst du die ganze Welt im Lotto und stellst hinterher fest, dass du deine Seele in Zahlung gegeben hast. Der flüstert dir ein, dass Gott dein Garant für Wohlstand und Auskommen sein muss, für Erfolg und Schutz und Bewahrung vor den Wechselfällen des Lebens ist und der deiner Verwirklichung dient und nicht umgekehrt. Und wenn deine Erwartung ans Leben und dein Ziel grob gesagt mit Brot und Spielen, einem sicheren Job und Anerkennung umschrieben werden kann, dann hat er dich schon fast. Das heißt: „Führe uns nicht in Versuchung“!

Aber deine Vollmacht gegen diese Anfechtung, gegen diese Versuchung ist, dass du dich nicht zum Mittelpunkt deines eigenen Lebens machen lassen musst. Du darfst schwach sein! Du musst aus deinem Leben nichts machen! Gott macht aus deinem Leben was! Setz Gott an die erste Stelle. VOR DICH! Und diene ihm allein. Du wirst sehen: Engel werden dich auf Händen tragen. Amen. (Kanzelgruß)