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Predigt

27.09.26 – Armin Kistenbrügge – Zurück zur Dankbarkeit

Hier die Predigt von Pfr. Dr. Armin Kistenbrügge aus dem Erntedankgottesdienst am 27. September aus der Schlosskirche in Greifenstein.

Predigttext: Mt 6, 25-34 und Mk 8, 1-9

Die Speisung der 4000

Liebe Edinger und Greifensteiner Geschwister!

Erntedank hats schwer heute. Also, die Stimmung klingt gerade nicht nach Dankbarkeit, sondern nach „Danke für Nix!“ Ich habe den Eindruck, die Leute haben soo eine Krawatte und sind auf Krawall gebürstet. „Danke für meine Arbeitsstelle“ kannst du heute fast nicht mehr singen. Wenn die von der Betriebsleitung dir ihren Sanierungsplan präsentieren oder die KI deinen super IT-Job wegrationalisiert. Wenn der Lohn der Arbeit kaum noch reicht, weil alles teurer wird und du gleichzeitig hörst, du wärst zu lange krank. Guckt man sich die Wahlergebnisse der letzten Landtagswahlen an, dann belegen die den Satz: „So geht’s nicht weiter.“ Nichts bewegt sich. Alles steht im Stau in der Republik. Regierungen kommen kaum zustande, und wenn doch, kriegen sie nicht mehr viel zustande. Und der Ruf, einfach alles kaputtzuschmeißen und aus den Trümmern was Neues zu zimmern wird lauter. Was lange gärt, wird endlich Wut.

Da hat die Dankbarkeit Konjunkturflaute.

Irgendwo müssen wir mal falsch abgebogen sein. Angeblich sollen die fetten Jahre vorbei sein. (Wahrscheinlich ist mir deswegen die Geschichte mit Elia und der Witwe eingefallen.)

Aber welche fetten Jahre sind da eigentlich gemeint? „Meine Oma bekam nen Kühlschrank, plötzlich hatte die Butter ’ne eigene Beleuchtung. Die stand drin wie Maria auf dem Hochaltar. Heute stehn wir vor 600 Litern, Eiswürfelspender und Touchscreen. Nur noch eine Sorte Senf? Irgendwo zwischen Oma Hedwig und Dijon-Senf ist uns die Bodenhaftung abhanden gekommen. Meine Eltern bekamen ne Waschmaschine. Plötzlich erledigte ein Gerät, wofür meine Oma noch Unterarme wie Bud Spencer hatte“, hat die Influencerin „CallmeKirsche“ in einem Post gesagt.

„Wir gehören zu den wohlhabendsten Menschen, die jemals auf diesem Planeten gelebt haben. Aus unseren Wasserhähnen kommt Trinkwasser. Wenn wir unseren Job verlieren, landen wir nicht automa­tisch auf der Straße. Und wenn wir alt werden, zahlt uns irgendein 25-Jähriger mit Burnout die Rente. Trotzdem stehen wir morgens unter einer heißen Dusche, trinken Kaffee aus Kolumbien, essen Avocados aus Peru und lesen auf einem Tausend Euro teuren Smartphone, dass alles den Bach runtergeht. Natürlich gibt es Vieles, das superschlecht läuft. Wohnungen fehlen, der Einkauf wird teurer, Schulen bröckeln. Auf einen Termin beim Facharzt warten wir manchmal so lange, dass in der Zwischenzeit in China eine U-Bahnlinie gebaut wird. Es gibt gute Gründe, auch mal wütend zu sein. Aber irgendwo zwischen berechtigter Kritik und täglichem Weltuntergang scheint uns das Verhältnis abhanden gekommen zu sein. Aus Problemen werden Katastrophen. Aus einer kaputten Rolltreppe der Beweis, dass das Land endgültig zusammenfällt. Vielleicht ist das der Fluch einer Nation, die so lange so erfolgreich war. Aus Wohlstand wurde Normalität. Aus Normalität wurde Erwartung. Und aus Erwartung wurde irgendwann Anspruch. Was gestern noch ein Privileg war, ist heute „bare Minimum“.

Wir wollen Sicherheit und Freiheit. Wohlstand und Gerechtigkeit. Niedrige Steuern und einen starken Staat. Billige Energie, hohe Löhne, günstige Wohnungen, pünktliche Züge, schnelles Internet und am besten alles gleichzeitig und sofort.“
(aus: notizen.von.unterwegs, Post auf Instagram vom 14.9.26)

Wie finden wir aus dieser kollektiven Mecker-Haltung wieder raus? Von der Einstellung aus führt jedenfalls kein Weg in die Zufriedenheit. Du kannst nicht drauf warten, bis dir alles zu den Ohren rauskommt und alles, was du dir wünschst, in Erfüllung gegangen ist. Und dann, irgendwann mal, stellt sich dann auch so was wie Dank ein. Ihr wisst es alle, ich predige seit 20 Jahren nichts anderes: Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

Als könntest du unter einem Berg von Gütern und Gaben und Geschenktem und Geerntetem begraben dankbar sein. Das ist die Logik vom bekloppten Kornbauern im Lukasevangelium (Lukas 12, kennt ihr. Oder?) Der so viel erntet, dass sein Schuppen nicht reicht. Und Stress kriegt, weil er einen größeren bauen muss. Müssen wir ja auch ständig: Kaum sind die Straßen alle achtspurig ausgebaut, fängt man von vorne an, weil das Verkehrsaufkommen der Jahresumsatz und der Börsenindex und alles immer weiter steigt. Aber jedes Mal sagt sich der schlaue Bauer: Wenn erst mal alle Schäfchen im Trocknen sitzen, dann. Ja, dann setz ich mich in den Liegestuhl und schaue dankbar auf alles, was ich erreicht habe. „Bekloppter geht’s nicht“, hat schon Jesus gesagt. Weil der vorher den Herzinfarkt kriegt. Diese Lebenslogik gibt’s offensichtlich schon länger.

Also, nochmal: Was macht einen dankbar? Das Umgekehrte kann’s ja auch nicht sein: Macht Mangel dankbar? Wenn man den Opa manchmal hört, könnte man das meinen. Wenn der anfängt zu erzählen: „Wir hatten damals ja nix! Es gab ja nix! Wir haben mit 20 Gramm Margarine 40 Brote geschmiert! Und eine Dauerwurst hat fünfzig Jahre gereicht, warum hätte die sonst Dauerwurst geheißen?“ Aber macht das wohl oder übel verzichten müssen einen dankbarer? Ich weiß nicht.

Jesus hat den Leuten auch mal was erzählt, in einem großen Freiluftgottesdienst. Er sagte: „Leute, so kriegt ihr überhaupt nichts von Gottes Großzügigkeit mit, weil ihr immerzu darüber nachdenkt, um was ihr euch alles kümmern müsst, was noch zu erledigen ist, dass ihr überhaupt nicht bis zur Dankbarkeit gelangt! Ständig organisiert ihr euer Leben: ,Was gibt’s zum Mittag, was soll ich anziehen, wo soll ich tanken, wo gibt’s den billigsten Flug‘, und seit es Internet gibt, drehen alle völlig durch, weil Zalando sie zuschmeißt mit seinen Versandsachen, von denen sie die Hälfte wieder zurückschicken. Im Grunde ist diese Haltung gottlos. Sie tötet eure Dankbarkeit und entfernt euch meilenweit von Gott. Guckt euch einmal den Vogel da draußen an: Hat der eine Lebensversicherung und kümmert sich darum, wo er morgen was zu essen findet? So weit kann der gar nicht denken. Oder steht euer Fikus vor dem Kleiderschrank und jammert: Ich hab nichts anzuziehen? OK, die Devise „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ ist auch keine sonderlich tragfähige Lebenseinstellung. Darum geht’s auch nicht. Keine Hippie-Romantik. Der Witz ist: Wenn Gott sogar dem Fikus was anzieht, dann wird er sich um euch doch wohl erst recht kümmern! Ihr steht bei Gott an erster Stelle! Ihr wollt das bloß nicht glauben.Weil bei euch Gott immer an allerletzter Stelle kommt. Wenn alle Stricke reißen. Wenn auch der letzte Cent sicher angelegt ist, wenn alles erledigt ist oder ihr völlig erledigt seid und ganz zum Schluss angeblich nur noch Beten hilft. Dann kommt Gott an die Reihe, und ihr wundert euch, dass das nicht funktioniert und beschwert euch, dass der liebe Gott nicht so funktioniert, wie ihr das gerne hättet. Ihr gebt Gott eure Reste, was ihr übrig habt, ganz am Schluss, und nicht das erste, das ihr bekommt. Ihr fragt: ,Wieviel von dem, das ich habe, muss ich abgeben, damit der zufrieden ist?‘ Umgekehrt wird ein Schuh draus! Fragt euch: ,Wieviel von dem, das Gott mir zur Verfügung stellt, behalte ich für mich?‘ Dreht euer Verhältnis zu Gott um, vom Kopf auf die Füße! Fragt nicht: ,Was brauche ich von Gott‘, sondern: ,Was braucht Gott von mir?‘ Stellt Gott nicht an die letzte Stelle, sondern an die erste, und alles findet sich. Findet seinen richtigen Platz im Leben. Sucht zuerst Gottes Reich, und alles andere wird euch dazu gegeben.“ Das macht einen dankbar: Diese Zugabe, und du weißt, von wem sie ist. Stell dir vor, du kriegst dein Leben geschenkt und hast niemanden, dem du dafür danken kannst, weil du immer denkst, du müsstest es dir erst verdienen, dein Leben!“

So predigte Jesus, und die Leute guckten ihn wie Schafe an, die ihren Hirten verbummelt haben. Und dann bekamen sie Hunger, und fingen an zu mosern: „Was sollen wir essen? Gibt’s hier nen Würstchenstand? Wo ist das Getränkebüdchen?“ Sie waren wie Leute, denen einer die Sonnenuhr erklärt und die dann fragen: „Und wie zieht man die auf?“

Aber Jesus fragte seine Jünger: „Leute, was haben wir denn zum Austeilen?“

Kommt: Ihr Konfis, ihr seid jetzt mal die Jünger, das passt ganz gut. (nach vorne holen) Genau so guckten die Jünger auch in die Röhre. Ihr spielt das perfekt. Lasst uns mal gucken, was könnten wir austeilen? Hier ist ein Brot, das gebt doch einfach mal rum. Ach, guckt mal: Fische gibt’s hier auch. Sind zwar nur Kräcker, aber immerhin. Und Trauben!Vielleicht hebt das die Stimmung.

(Katches geben Baguette und Fischli-Kräcker und Trauben durch die Reihen)

Damals sollen es sieben Brote und ein paar Fische gewesen sein. (War ja das zweite Mal, dass Jesus mit den Leuten ein Picknick veranstaltete. Und die Jünger hatten überhaupt nichts dazugelernt seit der Speisung der 5000) Aber dann setzten sich wieder alle zusammen, in kleinen Grüppchen, wo man sich in die Augen sehen konnte, überschaubar und vertrauensbildend. Jesus sagte: „Lasst uns dankbar sein, für das, was wir haben. Nicht für das, was wir uns wünschen und bekommen oder nicht.“. Die Jünger fragten wieder: „Was brauchen wir?“ Und Jesus guckte: „Was haben wir?“ Und damit fing er an zu arbeiten. Er nahm so ein Brot, dankte Gott dafür, und dann teilten sie aus. Und irgendwie, ich weiß auch nicht wie, ist ja schließlich ein Wunder, reichte es wieder für alle. Genauso wie Menschen, die mit Gott leben, immer wieder die Erfahrung machen: Trachte zuerst nach dem Reich Gottes, und alles, was du brauchst, kriegst du als Zugabe.“ Und zum Schluss von der Story heißt es, dass alle irgendwie satt geworden sind und am Ende mehr übrig war als am Anfang überhaupt da war. So wie Vertrauen und Liebe wachsen, wenn man sie teilt. Und die Leute sind dankbar nach Hause gegangen. Ich frage mich manchmal, was das größere Wunder ist: Dass Jesus mit sieben Broten und ein paar Fischkonserven 4000 Leute satt gekriegt hat oder dass er die Grundhaltung von Menschen, ihr Leben nachhaltig verändert hat.

Ich glaube, diese Erfahrung, dass ich mich auf Gottes Zugabe verlassen kann, macht mich dankbar. Dass das wirklich klappt, das Verhältnis umzukehren und nicht aus der Sorge heraus zu leben, sondern aus dem Bewusstsein: Ich bin beschenkt. Es ist nicht der Mangel, sondern die Glaubensschule, durch die du gehst, wenn du echt auf Gott angewiesen bist und der dich nicht hängen lässt, auch wenns manchmal echt abenteuerlich ist, wie er für dich sorgt.

Glaubts mir: Dankbarkeit macht glücklich. Und Dankbarkeit wächst damit, dass Gott in deinem Leben an erster Stelle steht. Und dann erst kommst du. Das ist deshalb nicht so schlimm, weil du nämlich bei Gott an erster Stelle stehst.

Amen.