30.09.18 – Armin Kistenbrügge – Erntedank

1. Tim 4, 4-5: Weniger ist mehr

An Erntedank, 30.9.2018 in Greifenstein

Liebe Greifensteiner und Edinger Geschwister! Meine Güte, geht’s uns gut. Das komische ist bloß: An der Dankbarkeit lässt sich das nicht ablesen. Eigentlich müsste man doch umso dankbarer sein, je mehr man hat und kann und darf. Ist aber nicht so. Die Rechnung geht nicht auf. Die Dankbarkeit steht in keinem Verhältnis zu dem, was du alles hast. Es ist eher so, dass wir auf hohem Niveau jammern. Und das korrespondiert mit der Dankbarkeit auf hohem Niveau. Ich meine, dass du irgendwann nur noch dafür dankbar bist, was alles total aus dem Rahmen fällt. Und das andere überhaupt nicht mehr merkst. Du sitzt im Auto und freust dich an den ganzen Gimmicks, Airbag, Sitzheizung, elektronische Vollidiotensperre, eingebaute Vorfahrt, Überrollassistent, Rückfahrkamera, und du merkst nicht mehr, dass es an sich schon Wahnsinn ist, dass die Karre überhaupt fährt!

Diese Dankbarkeit, die auf hohem Niveau, die ist ziemlich weit weg vom Erntedank. Wenn‘s bei dir läuft, aber du gar nicht merkst, was für eine Ölspur der Verschwendung du hinter dir herziehst. „Läuft bei dir“.

Eine afrikanische Grundschulklasse sollte mal einen Aufsatz schreiben: „Als ich mal so richtig satt war“, und die Stifte flitzten nur so übers Papier. Zeitgleich hieß das Aufsatzthema in einer hessischen Hausaufgabe: „Als ich mal so richtig Hunger hatte“. Und den Kids ist absolut nichts eingefallen.

Ich meine das jetzt überhaupt nicht als versteckten Vorwurf. So wie der Opa manchmal sagt: „Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihrs habt! Wir hatten früher ja nichts, es gab ja nichts“, fängt er dann an zu erzählen, und die Enkelkinder verdrehen die Augen, weil sie die Platte schon kennen, die jetzt abläuft.Eigentlich hat er ja Recht, aber so ein Elternsatz kann einem auch den Spaß verderben. Und der macht einen auch nicht dankbar. Sondern man kriegt jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn man sich mal was gönnt.

Die Einstellung kommt gerne mit christlichem Anstrich daher. Und irgendwann denkt man dann wirklich: „Alles, was Spaß macht im Leben, ist Sünde und die Sachen, die dann vielleicht doch erlaubt sind, die machen dick.“ Dabei müsste es eigentlich so sein, dass einem die Verbindung zu Gott das Leben reicher und tiefer macht und man dankbarer wird.

Mich interessiert aber, wie man das lernen kann: Wirklich dankbar zu sein. Weil nämlich die Dankbaren glücklich sind und nicht die Glücklichen dankbar, also die, die immer auf der Sonnenseite stehen. Denn wie gesagt: Wenn die, die Glück haben, dankbar wären, dann müssten man um so dankbarer sein, je mehr man hinten und vorne reingeschoben bekommt. Ist aber nicht so. Dann fängt man an sich Sorgen zu machenund jammert auf hohem Niveau. Das hat schon Jesus gemerkt und das mit den Vögeln und den Blumen erzählt. Um die Dankbarkeit wieder zu erden.

Ich hab da mal was vorbereitet. Einen kleinen Bibelvers. Einen Ratschlag vom Apostel Paulus, der nicht mit erhobenem Zeigefinger als Elternsatz daher kommt. Paulus hatte ja beides erlebt: Das „wir hatten ja nichts“, also die absolute Not und den totalen Überfluss. Kälte und Hitze, Obdachlosigkeit und Hotelaufenthalt im Palast. Hunger, nicht zu wissen, woher die nächste Mahlzeit kommt‚ und so satt zu sein, dass man höchstens noch einen Schnaps drauf trinken kann. Und mit seiner Lebenserfahrung schreibt er einem jungen Kollegen einen Brief: dem Timotheus. Und gibt ihm einen Rat. Einen ziemlich guten, finde ich.Timotheus war ein ziemlich übermotivierter junger Bischof, der seine Aufgabe sehr ernst nahm: Der nicht genug geschlafen hat, nicht geraucht, nicht regelmäßig gegessen, immer nur im Vorbeigehen, und keinen Tropfen Wein. Dem schrieb Paulus nun (1.Tim 4,4; 6,6): „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Und nichts hat er verworfen. Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegen nehmen. (…)“ Ich finde, das klingt ziemlich modern: Dankbarkeit ist gesund! Nicht bloß dein gesunder Lebensstil, was du alles beachten musst, nach 5 keine Kohlenhydrate mehr, vor vier kein Bier und Kartoffelchips nur mit schlechtem Gewissen. Und hinterher 5 Kilometer Buße tun. Ne ziemlich freudlose Gesundheitsreligion haben wir da. Die einen aber nichts, aber auch gar nichts lehrt über die Dankbarkeit.

Aber den Satz vom Paulus finde ich einen super Ratschlag: Sowohl für die, die vor lauter Überfluss mit dem Danken nicht mehr hinterher kommen und für die, die überhaupt nichts genießen können: „Alles, was aus Gottes Hand kommt, ist gut! Wenn du dafür danken kannst, ist alles OK.“Ich glaube wirklich: Am gesündesten ist die Dankbarkeit. Wenn das dein Leitfaden für den Lebensgenuss ist.

Mit den Konfis machen wir gerade einen Kurs, wie man das Beten lernen kann. Dazu gehört auch die Frage, wofür man Gott danken kann. Und wofür eher nicht. Wenn man natürlich so pauschal fragt, erntet man nur Schulterzucken. Aber kennt ihr zum Beispiel den Song von Janis Joplin: „O Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz. My Friends all drive Porsches, I must make amends“, was soviel heißt wie: „Lieber Gott, schenk mir nen Benz, meine Freunde haben alle nen fetten SUV, ich muss mithalten können!“ Klar, das Lied ist ein Spottlied auf dieses spießige „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“. Da ist schon klar, dass Gott dabei nicht mitmacht. Ich hab mal für die Konfis einen Fragebogen gemacht, wo die prüfen können, ob sie ein Gefühl dafür haben, wofür man Gott wirklich dankbar sein kann. Ein paar Beispiele, wo die Konfis spontan sofort sagen können, ob das OK ist und man Gott dafür danken kann. Und wofür nicht. Soll ich mal ein paar vorlesen, und ihr müsst spontan abstimmen? (Daumen hoch bedeutet: OK, Daumen runter: Geht gar nicht.)

„Danke, lieber Gott, für den dritten Urlaub in diesem Jahr“

OK, das war einfach. Aber was sagt ihr hier: „Danke, Gott, dass wir auf der Reise keinen Autounfall hatten.“ Einen hab ich noch: „Danke, dass wir gegen Frankreich doch noch unentschieden gespielt haben!“ Geht das? Die Frage ist für manche Jungs, die Fußball leben, zumindest diskussionswürdig. Aber wenn ihr verliert, hast du dann zu wenig gebetet, oder ist Gott einfach kein Deutschland-Fan? Schwierige theologische Frage.

Also, ich glaube, ein gutes Kriterium für echte Dankbarkeit ist, ob du Gott dafür wirklich danken kannst. Ob du das, wofür du dankst, wirklich aus Gottes Hand nehmen kannst.Das heißt, dass der Dank deine Beziehung zu Gott reicher und tiefer macht, oder ob du einfach nur froh bist, dass du’s hast, egal jetzt woher.

Und wo wir an Anfang vom hohen Niveau unserer Dankbarkeit gesprochen haben, hilft einem das Kriterium vom Paulus auch: Wenn du es noch schaffst und dafür noch Zeit und Lust und Muße hast, für die Gaben zu danken, von denen du lebst, die du genießt, dann liegt auf deinem Lebensstil auch Segen. Und wenn du damit nicht mehr nachkommst, mit der Dankbarkeit, dann gerät was in deinem Leben aus dem Gleichgewicht. Das ist ein bisschen so wie bei den Kindern, die zu Weihnachten so in ihren Geschenken ersaufen, dass beim Zerfetzen vom Papier des 10. Geschenkes der Überblick fehlt, von welcher Oma das jetzt noch mal war. Und mit Hingabe spielen geht nach so einer Gaben-Orgie auch nicht mehr wirklich. Und wenn Gott uns beschenkt, dann freut er sich ja auch, wenn wir damit ausgiebig und mit Hingabe spielen. Und mit Hingabe und Dankbarkeit leben, darum geht’s doch eigentlich beim Erntedank. Meine Güte, geht’s uns gut! Amen.

(Kanzelsegen)