24.12.18 – Armin Kistenbrügge – Heiligabend

Predigt von Armin Kistenbrügge zum Heiligabend am 24.12.18

„Fürchtet euch nicht!“

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

Alles Große ist einfach. Auch die Weihnachtsbotschaft. Du kannst sie in drei Worten zusammenfassen. Das versteht jeder. Die Weihnachtsbotschaft. Nicht die Fakten: Also da wurde halt Jesus geboren. Ist sein Geburtstag. Das ist keine Botschaft. Das ist eine Info, die dich nicht zu interessieren braucht. Wenn du nicht eingeladen bist auf der Geburtstags-Party. Die Botschaft, das ist das, was die Info für dich bedeuten soll. Was Schönes. Eine „gute Nachricht“, ein Evangelium auf Latein.

Also: Die Weihnachtsbotschaft in drei Worten. Mit der Weihnachtsbotschaft meine ich das, was der Engel den Hirten verkündet hat. Als die draußen Nachtschicht hatten. „Fürchte dich nicht“, hat der gesagt.

Obwohl die sich ja erst mal grundsätzlich vor gar nichts fürchten, so Hirten. Eher umgekehrt: Wenn Hirten, die sonst nur draußen sind, Sechs Wochen am Stück unterwegsund die Rastplätze alle voll, wenn die dann mal in die Stadt kommen und sich volllaufen lassen, dann schließen die Väter ihre Töchter zu Hause weg,und die Leute wechseln die Straßenseite, weil die klauen wie die Raben, heißt es immer. Ist natürlich Unsinn, aber die Leute fürchten sich.

Also Hirten fürchten sich erstmal vor gar nichts. Wenn denen nachts einer begegnet, wenn sie da sitzen am Feuer und auf die Tiere aufpassen, ihr müsst euch die als Cowboys vorstellen, das waren keine lieben Jungs mit Blockflöte und Hirtenkappe, das waren hart arbeitende Mindestlohnempfänger ohne Arbeitszeitbegrenzung, also wenn da nachts einer bei denen vorbeikommt und erstmal „fürchte dich nicht“ sagt, dann kann das Engel sein wie er will, dann antworten die höchstens, ohne aufzuschauen: „Haahaa, guter Witz. Was willste, biste irgendwo abgehauen, sindse hinter dir her und du dachtest, bei uns findense dich nicht?“

Also Hirten fürchten sich vor gar nichts. Erstmal. Aber wenn über dir nachts mal der Himmel aufreißt und du in die Unendlichkeit siehst, und es ist schlagartig taghell, dann denkst du auch erstmal, es ist Harmageddon, und der Chor in der Weihnachtsgeschichte war echt großes Kino. Wenn dein kleines Leben plötzlich die Filmmusik hat, die es nur im Kino gibt, „müsste da nicht Musik sein“?, tausend Streicher, und die Chöre singen für dich, so wie bei Mark Forster. Das haut auch einen Hirten erstmal aus der Bahn. Wenn Gott Konfetti für dich regnen lässt und dich damit zuschüttet, wenn er alles auffährt, was im Himmel ein Instrument halten kann, dann klingelt es in deinen Ohren.

Und wenn also raubeinige Hirten, wenn die beruhigt werden und nachher lammfromm im Stall sitzen und nicht randalieren, sondern anbeten, dann ist wirklich alles gut, dann habt ihr auch nichts zu befürchten. Ehrlich. Die Erde, in der Gott Wohnung genommen hat, kann eigentlich kein Ort zum Fürchten mehr sein.

Das „Fürchte dich nicht“ ist gerade der Teil der Botschaft, der heute gelegentlich wiederholt werden sollte, finde ich:„Fürchte dich nicht: Gott ist da. Gerade angekommen. Völlig schutzlos und ohne Sicherheitsvorkehrungen.“ Der traut sich was! Also der hätte echt Grund gehabt, sich zu fürchten: Auf die Erde kommen. Und sich das ganze Theater selber antun. Aber wo Gott wohnt, da brauchst du keine Angst vor dem Leben zu haben. Und dieser Ort ist jetzt: hier. Hier unten.

„Fürchtet euch nicht.“ Die Botschaft können wir brauchen.

Ich habe den Eindruck, die Leute haben immer mehr Angst. Vor allem Möglichen. Ist eigentlich auch kein Wunder. Wenn du täglich Nachrichten guckst, natürlich siehst du da die Katastrophen, jeden Tag. Weil das Normale keine Nachricht ist. Dass in Greifenstein (Edingen) der Bus am Backes (Edinger ZOB) pünktlich ist und die Weihnachtsfeier der Ortsvereine nicht in eine wilde Schlägerei ausgeartet ist, das ist einfach zu normal, um berichtet zu werden. Wenn du aber jetzt jeden Tag erzählt bekommst, was überall schief geht, wer wen in die Pfanne haut, wer sich wo in die Luft gesprengt hat, welches Parlament gerade wieder mit Vollgas auf die Wand zubrettert, dann hält man den Supergau irgendwann für das Normale und das Unspektakuläre für die langweilige Ausnahme, die nur die Regel bestätigt, dass es kurz vor knapp ist. Und dann, dann sind wir ein Fall für die Vitosklinik: Wenn wir Normal von Unnormal nicht mehr unterscheiden können. Und unsere Furcht vor allem und jedem jeden Schritt bestimmt. Und dann gibt’s noch die, die virtuos auf der Tastatur der Ängste spielen können, und irgendwann fangen doch ein paar und dann noch ein paar mehr an, sich davor zu fürchten, dass du als Volk kurz vor der Auswechslung stehst. Angst haben ist in Deutschland echt Volkssport.

Heute siehst du Kinder mit Sturzhelm auf dem Spielplatz! Das war früher ein Ort der Freude, heute sind das Plätze, wo an jeder Ecke Gefahren für die Sicherheit deiner Kinder lauern! 50 % der Kinder heute sind noch nie auf einen Baum geklettert! Weil die Eltern immer daneben stehen und soufflieren. Auf dem Spielplatz hörst du heute von aufpassenden Papas Sätze wie: „Lauf nicht! Sonst fällst du hin!“ Da wundert man sich natürlich nicht, dass die Kids die Angst mit der Muttermilch eingeimpft bekommen.

Angst haben wir meist vor dem Falschen. Dann fürchtet man sich vor irgendwelchen Inhaltsstoffen im Essen, aber mit 170 über die A45, da hat keiner erhöhten Puls. Wir leben so sicher und behütet wie noch nie in der Geschichte, aber die Angst nimmt nicht ab. Unser Leben ist wie ein Ponyhof, und wir fürchten uns. Trotzdem.

Ein „Fürchte dich nicht“ täte uns gut. Damit wir weniger fürchten und uns mehr trauen. Mehr Vertrauen haben.

Mach doch in der Weihnachtszeit einfach mal den Versuch, so zu leben, als wärst du behütet. Nicht gepampert. Mit Vollkasko und Sturzhelm auf dem Spielplatz. Gott ist nicht dein Helikopter-Papa, der ruft: „Lauf nicht, sonst fällst du hin!“ Ich meine: Behütet. Vom Hirten, der sich vor nichts fürchtet. Gott passt auf dich auf. Und hat für alles einen Plan B.Gott hat keine Probleme. Nur Pläne. Im Himmel gibt es keine Panik.

Als Jesus auf die Welt kam, haben die Chöre für ihn gesungen. Nicht die himmlische Security Anweisungen gegeben:„Aufpassen, du kommst wie ein Schaf unter die Wölfe!“ Leb doch mal so, als würde Gott auf dich aufpassen wie auf das Kind in der Krippe. Also so, dass nicht alles glatt geht wie ein Kinderpopo, sondern als würde am Ende alles gut. Ihr wisst ja, wie die Geschichte ausgeht. Mit einem Himmel, der dir offen steht.

Eine schöne und furchtlose Weihnachtszeit wünsche ich euch.

Amen.

(Kanzelsegen)