11.08.19 – Armin Kistenbrügge – Schwerter zu Zapfhähnen

Armin Kistenbrügge: Predigt zu Jesaja 2, 1-5 am 11.08.2019

Predigt über Jesaja 2,1-5 Schwerter zu Zapfhähnen

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

Ich hab geträumt, der erste Weltfrieden wäre ausgebrochen. Auf dem Tempelberg. In Jerusalem. Ich träume immer noch davon. Dass eines Tages ausgerechnet der unfriedlichste Ort, den es auf diesem Planeten gibt, eine Pilgerstätte der Versöhnung wird. Wo du von der Menschenfreundlichkeit überwältigt wirst. Und nicht kommst, um den ältesten Streit der Menschheit zu besichtigen. Stell dir vor, du fährst nach Jerusalem und wirst in der Altstadt von Palästinensern und von Juden gemeinsam begrüßt, von Christen und Muslimen, die kippen dir Konfetti über den Kopf und tanzen um dich rum.

Die Leute kommen von überall her, es gibt keine Reise­warnung und keine Checkpoints mit Sprengstoffhunden. Jerusalem ist ein Sehnsuchtsort geworden, wo jeder mal gewesen sein möchte und schwärmt: „Das musst du erlebt haben. Einmal im Leben. Die Freude da ist wirklich ansteckend. Du wirst einfach mitgerissen. Irgendeine von den Tanz-Kompanien da nimmt dich in ihre Reihen auf und hakt sich bei dir ein, oder du wirst von einer Geschenk-Brigade oder einem Umarmungs-Bataillon überfallen und beglückt. Und wenn du mit Frust oder schlechter Laune oder einfach unglücklich da hinkommst, wirst du von Trost-Sanitätern verarztet. Und wenn du überhaupt nicht in Feierlaune bist, dann bist du es spätestens dann, wenn du miterlebst, dass da aus Schwertern wirklich Zapfhähne geschmiedet werden. Ist eine Touristenattraktion. Und dann drückt dir einer ein Bier in die Hand und will mit dir anstoßen.

Ich sehe eure Skepsis. Das klingt nach rheinischem Karneval. Ihr haltet mich vielleicht für ein bisschen bekloppt, dass ich euch mit so einem Friedensbewegungs-Kitsch komme. Ausgerechnet am Tempelberg: Da wirst du schon erschossen, wenn du bloß falsch guckst. Da kannst du höchstens lernen, wie brutal aggressiv Menschen werden, wenn die ihre Religion ins falsche Halsloch gekriegt haben und meinen, sie hätten die Wahrheit mit ihrem Glauben zusammen gepachtet.

Aber ich meine das wirklich so: Eines Tages, du wirst schon sehen, da kriegt die Menschheit den Frieden geschenkt. Und sie nimmt das Geschenk wirklich an. Und fängt an sich zu freuen. Zusammen. Und die Freude breitet sich aus wie ein ansteckender Virus. Und da fängt er an. In Jerusalem. Denn wenn das da funktioniert, dann überall anders auch.

Klingt aber blauäugig, oder? Liebe Geschwister, diesen Traum gibt’s allerdings wirklich. So was hat der Prophet Jesaja erlebt. Ich lese euch mal vor, wie das bei dem klingt. Das ist der Predigttext für heute. Jesaja 2,1-5. Ungefähr 730 vor Christus.

„Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakob. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.

Das war schon vor 2700 Jahren zu schön, um wahr zu sein. Aber der Prophet Jesaja war kein weltfremder Schwärmer, der sich von der politischen Realität seinen Wunschtraum nicht kaputt machen lassen wollte. Im Gegenteil. Ihr müsst euch diesen ersten Jesaja aus der Bibel nicht als zotteligen Catweasel aus der Wüste vorstellen, sondern als einflussreichen politischen Berater. Der war nicht naiv. Der wusste genau, wie es draußen in der Hauptstadt des Mini-Fürstentums Juda aussah. Dass da kein Friede Freude Eierkuchen war. Wie ungerecht es im Land zuging: Die einen werden immer reicher und dekadenter. Reißen sich Grundstücke in Toplagen in der Hauptstadt unter den Nagel und nutzen die Notlage der Leute aus, die verkaufen müssen (Jes 5,8). Die kriegen immer Recht, weil sie die besten Anwälte haben. Das klingt nach Landraub in armen Ländern und Luxussanierung von Stadtvierteln bei uns. Und Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ihnen geholfen wird, Waisenkinder und Witwen, die keine Familie haben, die sie unterstützt, werden einfach vergessen. Die können sehen, wo sie bleiben. Genau solche Zustände kritisiert Jesaja in Jerusalem. Und nennt es schonungslos beim Namen.

Für Jesaja ist das auch der Grund, warum Israel keinen Frieden findet. Weil Gerechtigkeit und Frieden zusammengehören. Du brauchst dich nicht zu wundern, dass einer dir an die Gurgel geht, wenn du ihm die Luft zum Atmen nimmst. Du findest keinen Frieden und kannst keinen Frieden machen, wenn bei dir alles nach Korruption stinkt, und ein Drittel der Leute arm bleibt und nichts zu verlieren hat als seine Ketten. Und du findest keinen Frieden, wenn du die Quelle des Friedens und der Wahrheit nicht kennst und verachtest: Den Gott nämlich, der die Armen aus dem Staub aufhebt und die Starken auf den Boden der Tatsachen runterbringt. Ohne Glauben, sagt Jesaja, kein Frieden. Denn beide leben vom Vertrauen.

Das alles kritisierte der Prophet Jesaja also. Und wusste zugleich: Daran wird sich nichts ändern. Du änderst die Menschen nicht, indem du sie anpredigst. Und sie belehrst. Das macht die Leute nur noch sturer. „Verstockung“ nennt die Bibel das, wenn du Menschen was sagst, und sie machen dann garantiert das Gegenteil, Aber genau das war Jesajas Auftrag. In Jesaja 6 klingt das so: „Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, aber nichts erkennen. Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen …“ (Jes 6,9f.) Ist ja auch so: Als ob das so einfach wäre, den Leuten schlicht zu sagen: „Hier geht’s lang“, und dann bedanken die sich brav und tun das und die Welt wird friedlich und gerecht. Dreimal kurz gelacht.

So gesehen ist die Wahrheit zu sagen ein ziemlich mieser Job. Frustrierender geht’s eigentlich nicht, wenn du weißt, dass du nichts änderst. Damit machst du dich gerade beliebt. Weder bei den Königen, die du berätst, noch bei der Bevölkerung.

Jerusalem hatte in der Zeit weder inneren, sozialen, noch äußeren Frieden. Da kämpfte jeder gegen jeden. Die Assyrer gegen alle. Die waren die brutalsten. Die kamen aus der Gegend, wo heute der Irak liegt. Und die Syrer in Damaskus hatten sich mit den Nordisraeliten zusammengetan und belagerten Jerusalem. Wer da mit wem gegen wen kämpfte, da blickt man genauso wenig durch wie durch den Krieg in Syrien heute.

Der einzige, der seinen inneren Kompass nicht verloren hatte und nicht bloß bis zur eignen Nasenspitze vorausdachte, war Jesaja. Der konnte weiter sehen. Der hatte nicht nur diesen ätzenden Auftrag, den Leuten den Spiegel vorzuhalten und nichts zu bewirken. Das war nicht das letzte Wort. Sondern das vorletzte. Jesaja hatte eine Vision. Nicht nur so eine, wie heute jeder, der was erreichen will, unbedingt eine Vision braucht und jeder Unternehmensberater dir die Ohren voll labert, du bräuchtest unbedingt eine Vision. Sondern eine echte. Das ist kein Wunschtraum. Die kommt von Gott. Da ist nicht der Wunsch der Vater des Gedankens, sondern eine Verheißung, ein Versprechen Gottes.

Das glaubte dem damals keiner. Deshalb schrieb Jesaja diese Vision auf. Hielt sie sozusagen fest. Auf einem Flugblatt, wenn man so will. Das in Jerusalem rumgereicht wurde, die Leute lasen das, und das Bild wollte ihnen nicht mehr aus dem Kopf und aus dem Herzen: Schwerter zu Pflugscharen. Der Prophet Micha, ein Kollege von Jesaja, nahm das auf und erzählte dasselbe. (Micha 4,1-5) Eines Tages nehmen die Menschen Messer nur noch zum Kartoffeln schälen und nicht mehr, um sich gegenseitig die Kehle durchzuschneiden. (Kennt ihr, den Satz, oder? Heinz Ehrhardt zitiert Friedrich Schiller: „Was willst du mit dem Dolche, sprich! – Kartoffeln schälen, verstehste mich?“)

Dieses Bild hat sich in den Köpfen und Herzen eingenistet. Und immer, wenn sich Menschen zutiefst nach Frieden sehnten, dann tauchte dieses Bild wieder auf. Von der Wallfahrt zum Berg Zion, wo man lernen kann, wie Frieden geht. Wenn einer vor zigtausenden Menschen rief: „I have a dream, that one day…“ Dann war das eine Fernwirkung dieses Friedens-Flugblattes aus Jerusalem! So weit reicht die Wirkung dieser Vision: Martin Luther King war Baptistenpastor. Der kannte die Stelle aus dem Jesajabuch auswendig. Als er von den weißen Kindern redete, die es verlernt haben, dass man mit schwarzen Kindern nicht spielt.

Warum in aller Welt lernen Kinder in der Schule nicht, wie man Frieden schließt, wie man Konflikte friedlich löst, wie man redet, damit einen die anderen verstehen, wie man Missverständnisse und Vorurteile durchschaut und es lernt, sich in den anderen hineinzuversetzen, das kann man üben, das muss man üben, wie man verhindert, dass ein Streit hochkocht, statt Ultimaten zu setzen und Sanktionen zur Vergeltung zu verhängen, nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir“, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich hätte gerne tausend Ideen für vertrauensbildende Maßnahmen, witzige Slogans, die dem dumpfen Hass den Wind aus den Segeln nehmen wie „Schwerter zu Zapfhähnen“! (Hab ich mal auf dem T-Shirt eines Punks auf einer Friedensdemo gelesen und musste unwillkürlich grinsen, weil das nicht so pädagogisch daherkam.)

Man könnte doch nicht nur das Kämpfen üben, das ist eine alte Disziplin, die ist so alt wie Kain und Abel, das hat schon der Neandertaler vor seiner Höhle trainiert, seinem Rivalen eine reinzuhauen oder ihn abzumurksen. Warum um Gottes Willen könnte man nicht mal üben, wie man Frieden schließt, damit die Beendigung eines Konfliktes nicht nur aus Versehen passiert?

Und warum kann man sich den Frieden nicht genauso viel kosten lassen wie den Krieg? Eine Billion, also tausend Milliarden Dollar. So viel würde ein dauerhafter Frieden kosten. Damit könnte man die Bedingungen dafür schaffen, dass alle Menschen einigermaßen zufrieden leben können und keiner mehr fliehen muss: Durch einen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Überall. Ein Häuschen mit Klo für alle. Durch Schulen für jedes Kind. Ein Mikrokredit für Frauen, die ein kleines Business aufbauen. Erreichbare Krankenhäuser. Die Chance, mit der eigenen Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen. Das wäre so viel, wie der zweite Weltkrieg gekostet hat, meinte Erich Kästner vor 75 Jahren in seinem „Märchen von der Vernunft“ (der Irak-Krieg hat übrigens 1,7 Billionen US-Dollar gekostet): „Wenn ein langer Krieg eine Billion gekostet hat, warum sollte dann ein langer Frieden nicht dasselbe wert sein? Was, um alles in der Welt, ist denn daran komisch?“, schrieb er. Damals lachte man ihn aus. Erich Kästner schrieb deshalb auch lieber Kinderbücher. Zum Beispiel von einer Friedenskonferenz der Tiere. Aber dass es sowas wie Friedensforschung gibt, das liegt daran, dass diese Vision aus dem Jesajabuch nicht kleinzukriegen ist.

Ist das wirklich alles zu schön, um wahr zu sein? Warum soll der Krieg und das Misstrauen wahrer sein als der Friede und die Versöhnung? Ist die Vision denn wahrer, dass am Ende der Tage der Krieg das letzte Wort hat und ein Trümmerhaufen übrigbleibt? Warum muss die Wahrheit hässlich sein? Ist Friede immer bloß gespielt, und dahinter zeigt irgendwann die Wirklichkeit ihr wahres Gesicht und streckt dir die Zunge raus?

Das alles wäre aber wirklich unrealistisch, wenn diese Hoffnung auf die Einsicht der Menschen setzen würde. Der ja zuhört, und nichts ändert sich. Hat Jesaja ja erlebt. Aber die Sehnsucht nach Frieden hat ihren Ursprung bei Jesaja woanders: in der Hoffnung auf Gott. Frieden halten Menschen, wenn sie sich wirklich von Gott was sagen lassen können. Und zwar gerade dann, wenn Konflikte da sind, wo keine schnelle Lösung sichtbar ist. Dann werden die Konflikte durch Rechtsstreit gelöst, sagt Jesaja. Hinter der Idee mit dem Recht steht die Ehrfurcht vor Gott. Was für eine Vision! Ihr müsst euch das vorstellen: Das ist 730 vor Christus! Das hats bis ins letzte Jahrhundert gar nicht gegeben: Dass sich Nationen und auch Herrscher dem Recht unterordnen. Da herrschte auf staatspolitischer Ebene Hauen und Stechen, das Recht des Stärkeren.

Diese Hoffnung auf Gott, das bedeutet nicht, dass eines Tages der Friede nicht einfach vom Himmel fällt, sondern dass einer kommt und ihn mitbringt. Zusammen mit dem Heiligen Geist, der auf ihm ruht. (Jes 11) Die Stelle aus dem Jesajabuch kennt ihr auch, die gehört zur Weihnachtsfolklore, dass der Messias, der Friedefürst kommt und dann Löwe und Lämmchen fangen spielen. Wo vom Heiland die Rede ist, auf dem der Heilige Geist liegt. Der so wirkt, dass du deine Verstockung, diese Halsstarrigkeit, diese unheilbare Beratungsresistenz verlierst und sich der Friede in deinem Herzen einnistet. Und du Gott wirklich hörst, und das hat zur Folge, dass du ihm freiwillig gehorchen kannst. Vielleicht sagen die Leute am Ende der Tage ja wirklich: „Kommt, lasst uns zum Haus Gottes gehen. Dahin, wo das Licht scheint. Wo es nicht mehr dunkel ist. Die Leute da haben das gelernt. Wie man Frieden macht und ihn erhält. Das konnten die nicht immer schon. Aber sie sind zu ihrem Heiland umgekehrt. Dem Friedefürsten. Den sie in Jerusalem getötet hatten, der aber auferstanden ist und einen Frieden gebracht hat, der nicht von dieser Welt ist. Aber für die Welt taugt.“ Amen.

(Kanzelsegen)