22.09.19 – Armin Kistenbrügge – Zeichen setzen

Armin Kistenbrügge: Predigt am 22.09.2019 über Genesis 28, 14-17

Predigt über Gen 28, 14-17: Zeichen setzen

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

Ja, ja: „Lobe den Herrn meine Seele.“ Wenn‘s denn passt. Aber ab wieviel Segen kommt die Dankbarkeit? Ihr wisst ja: Nicht die Glücklichen sind dankbar. Die Dankbaren sind glücklich. Dankbarkeit kann sogar eine Medizin sein! Denn dein Dank verbindet dich mit Gott. Ihr kommt euch näher.

Aber warum fällt es einem an den gebrauchten Tagen so schwer, einen tiefen Schluck aus der Pulle zu nehmen, wo die Medizin drin ist? Wenn’s mir so geht, dass ich am liebsten irgendwas an die Wand pfeffern möchte oder mir so elend ist, dass die Bettdecke, die ich mir über den Kopf ziehen möchte, am besten aus Massivholz ist. Wie soll das dann gehen?

Das ist ein bisschen so, wie die Medizin gegen Schwächezustände, die dir der Arzt verschreibt. Da steht sie, die Flasche aus der Apotheke: Und du kriegst sie nicht auf. Dagegen tun wir heute was.

Kann man also auch dann gesegnet sein, wenn einem das Leben in seine Einzelteile zerdeppert ist? Ja, man kann. Aber wie merkt man das? Also: Wie kriegt man die Flasche auf? Dazu erzähle ich euch eine Bibelgeschichte. Von einem, der gesegnet ist, obwohl er absolut nicht wusste, wie es weitergeht. Das ist der Bibeltext für heute. Genesis 28,10-19.

Die Grundmelodie der Geschichten, die Abrahams Nachkommen mit Gott erlebten, war immer: „Halt dich an Gott: Er führt dich, auch wenn du kein Land siehst.“ Denn der Segen hing irgendwie schief in der Familie. Das war schon bei Abraham so. Und bei Isaak. Und schließlich auch bei Jakob. Der hatte seinen Bruder abgezockt: Beim alten Vater, schon halbblind, hatte er sich als großer Bruder mit verstellter Stimme eingeschlichen, und bevor der merkte, was gespielt wurde, hatte er den Falschen gesegnet und ihm das Erbe versprochen! Das war, als hätte Jakob seinen Vater beklaut. Und sich die Liebe und den Segen durch Lügen erschlichen. Das ist wie Unterschrift fälschen. Noch schlimmer.

Danach haute Jakob ab, in die Wüste. Und konnte wohl nie mehr zurück. In der Nacht fühlte er sich wie der einsamste Junge der Welt. Seine Gedanken gingen im Kreis herum, er dachte an Zuhause. Was sagt Gott zu so einem? Der so was macht? Jakob sah in den Sternenhimmel. Und dachte: “Wenn Gott noch dahinter ist, dann ist das verdammt weit weg.“ Es wurde schnell kalt in der Wüste. Jakob zog die Knie an. Er kauerte sich an einen Stein, um ein bisschen Schutz zu finden. Er hüllte sich in seinen Mantel und hörte auf die Stille in der Wüste. Dann musste er doch irgendwann unruhig eingeschlafen sein. Er träumte. Aber im Traum war er viel wacher als vorher in seiner Erschöpfung von seiner langen Wanderung durch die Hitze der Wüste. Er sah, wie eine Treppe aus der Wüste, aus den Steinen in den Sternenhimmel empor führte. Weiter als er sehen konnte. Wie der Weg nach oben immer kleiner wurde und sich in der Unendlichkeit verlor. Die Treppe – oder war es so eine Art Leiter? – war wie ein Strahl Mondlicht, das einen Punkt in der Nacht mit fahlem Licht beschien. Jakob bemerkte, dass er nicht einsam war in der Wüste: Auf dieser Leiter kletterten helle Gestalten rauf und runter. Engelwesen in einer stillen Prozession. Und dann hörte er von ganz oben eine Stimme, die ihm aber doch ganz nah war. Als würde er sie direkt an seinem Ohr hören. “Jakob. Ich bins. Du bist nicht alleine. Du brauchst nicht vor mir wegzulaufen. Du stehst unter meinem Schutz. Du bist gesegnet. Nichts kann dir passieren, wo ich nicht dabei bin. Ich verlasse dich nicht, bis ich alles vollbracht habe, was ich dir versprochen habe.“ Jakob erwachte. Es war Nacht. Die Sterne leuchteten. Er wusste: „Gott ist da. Hier ist der Ort, wo Himmel und Erde zusammenstoßen.“

Wie stellst du dir den Ort vor? Wo Gott einem begegnet? Wenn du den gewöhnlichen deutschen Halb-Heiden fragst, dann sagt der natürlich: In der freien Natur. Unterm Sternenhimmel, na gut, klingt nach Jakobsgeschichte, und manche sagen: „Herr Pfarrer, ich finde meinen Gott im Wald.“ Deshalb wollen die auch im Friedwald begraben werden, am besten gleich vom Förster.

Aber in der Jakobsgeschichte geht nicht um einen besonders feierlichen, erhabenen Ort mit einem Panorama wie auf der Kitschpostkarte oder dem Ölschinken mit Watzmann-Motiv, der früher immer überm Sofa von Oma und Opa hing. Der Ort, an dem Himmel und Erde zusammenstoßen, das ist da, wo Gott mit dir redet.

Was das jetzt mit dem Segen mitten im Schlamassel zu tun hat, wenn du nicht weißt, wie es weitergeht, dazu habe ich drei Hinweise aus der Geschichte für euch.

Erstens: Wenn du unsicher bist, ob Gott dich vielleicht nicht doch vergessen hat, so mies, wie es dir gerade geht, dann halt dich nicht an dein Gefühl: Wenn du nur dann glauben kannst, dass Gott bei dir ist, wenn‘s bei dir läuft, dann ist das bloß das Echo auf dein Hochgefühl. Genauso wie dann das Echo auf deinen Tiefpunkt das gefühlte Gegenteil ist: Gott hat mich vergessen. Da ist Gott nichts weiter als das, was man früher „das launische Schicksal“ nannte, blind und unberechenbar. Wenn Gott so ist, dann ist es witzlos, sich an ihm festzuhalten. Dann zieh lieber den Kopf ein und versuch Sicherheitsabstand zu halten! Aber so ist Gott nicht: Deshalb halt dich also nicht an deinem Gefühl, sondern an Gottes Verheißung fest. An dem, was er dir versprochen hat.

Denn da sollst du dir sicher sein: Das macht Gott auf jeden Fall. Der hält, was er verspricht. Wenn nicht, könnte man ihm nichts glauben. Sonst macht das alles keinen Sinn.

Gott hilft. Spätestens rechtzeitig. Gott hält Wort. Gott erfüllt zwar nicht jeden Wunsch. Aber alle seine Verheißungen, hat Dietrich Bonhoeffer mal formuliert. Das ist sozusagen die Grundregel, worauf du vertrauen kannst, egal wie’s dir geht und welches Schicksal dir blüht. Wenn er dir sein Wort gegeben hat, kannst du darauf bauen. Das heißt Gewissheit.

Wie aber kriegt man die Flasche auf, frage ich nochmal: Wie kriege ich den Unterschied zwischen meinem Wunsch und Gottes Verheißung mit? Wie weiß ich, was Gott mir denn wirklich versprochen hat? So wie dem Jakob da in der Wüste? Ist das nur so ein allgemeiner Satz wie: „Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe“? Dann bleibt doch immer noch die Frage: Was hat Gott denn nun genau versprochen? Außer, dass er hält, was er verspricht?

Damit bin ich beim zweiten: Wie merkst du, dass Gott mit dir redet? Denn wenn Gott mit dir geredet hat, dann kann dir passieren, was will, du bist safe. Dein Lebensfilm geht gut aus. So oder so. „Mit wem Gott geredet hat, der ist wahrhaftig unsterblich“, hat Martin Luther mal frech gesagt. So voll hat der den Mund genommen und meinte damit: Wenn der mir persönlich was gesagt hat, dann kennt der mich, dann bin ich mit ihm verbunden, und diese Verbindung reißt sogar im Tod nicht ab. Und wenn Gott was sagt, dann ist das immer Trost und Wegweisung zugleich. Also: „Ich bin bei dir. Hab keine Angst. Das ist der Trost. Und Weisung: Geh ruhig. Aber geh auch! Du kommst ans Ziel.“ Das ist sozusagen die Grammatik des Wortes Gottes. Das, was in jeder Verheißung Gottes steckt. Das hilft dir schon, Gottes Wort von deinen Wunschvorstellungen unterscheiden zu können, wo der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Und du dir etwas so sehr wünschst, dass du dir einbildest, das käme direkt von Gott.

Möchtest du das lernen, wirklich auf Gott zu hören? Wie geht das, dass du merkst, dass er dich wirklich anspricht? Ich habe vor ein paar Jahren mal eine lange Predigtreihe dazu gemacht: „Gott reden hören lernen“. Jetzt gebe ich dir nur einen Hinweis: Es ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme, dass man Gott sprechen hört, als würde einer dir was ins Ohr flüstern. Und wenn, dann ist das Kriterium dafür, dass das wirklich Gott ist und nicht deine Einbildung, doch wieder sein Wort in der Bibel.

Wenn du also lernen willst, wirklich auf Gott zu hören, dann kommst du nicht um die Bibel herum. Denn die Worte der Bibel, das ist doch erstmal „das Wort Gottes“. Und das Reden des Heiligen Geistes zu dir hängt damit zusammen: Gott redet mit dir nämlich auch so, dass dir Worte aus der Bibel einfallen. Du wartest auf eine Antwort von Gott, und auf einmal fällt dir ein Bibelwort ein. Oder einer sagt dir einen Bibelvers und dir wird klar: „Ich bin gemeint.“ Dann werden aus den alten Versen persönliche Worte, die an dich gerichtet sind, als wären sie für dich geschrieben.

Damit das aber geschieht, musst du mit den Worten der Bibel leben! Damit dir ein Bibelwort einfällt, muss in dir was drin sein, was als Resonanzkörper dient. Was man also ins Schwingen bringen kann. Man muss seinen Geist mit Material füllen, das der Heilige Geist gebrauchen will und gebrauchen kann. Dann passiert, was ihr eben in der Lesung aus dem Römerbrief gehört habt: Gottes Geist sagt deinem Geist, dass du Gottes Kind bist. Dass du also zur Familie gehörst, und wenn du hier gerade alles verlierst, dann wartet auf dich trotzdem dein Erbe, und das kann dir keiner nehmen.

Wenn in deinem Gedächtnis aber hauptsächlich sämtliche Folgen deiner Lieblingsserie abgespeichert sind, oder für jede Lebenslage eine Simpsons-Folge oder eine Binsenweisheit aus dem Glückskeks, sonst aber nur dein Konfirmationsspruch und das Vater Unser, dann sind Möglichkeiten des Heiligen Geistes erst mal begrenzt. Natürlich kann Gott alles gebrauchen. Meine Erfahrung ist aber, dass die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass du was von ihm mitkriegst.

Und noch einen dritten Hinweis habe ich in der Geschichte gefunden. Was du tun kannst, um dich richtig an Gott zu binden, dich an ihm festzumachen. Du kannst ein Zeichen setzen, das das zeigt. Dir und anderen.

Das erzählt die Geschichte nämlich am Schluss: Als Jakob die Verheißung Gottes gehört hatte, da tat er was. Er setzte ein Zeichen. Auf das Versprechen hin versprach er sich selber was. Er legte ein Gelübde ab: Ich gehe mit Gott. Ich verbinde mich mit ihm. Ich baue aus dem Stein von gestern Nacht was, das an Gott erinnert. Und wenn ich angekommen und unterwegs weder verhungert noch erfroren bin, sondern Gott gehalten hat, was er mir versprochen hat, dann setze ich noch ein Zeichen. Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben“, versprach Jakob. (Gen 28,22)

Was wäre, wenn wir dieses Zeichen für uns wiederentdecken würden und aus der Werkgerechtigkeits-Ecke rauskriegen könnten: Als Zeichen, das du setzt.

In den Bergen bei uns trifft man auch auf solche Zeichen: Da haben welche, der sich auf Gott verlassen haben und nicht verlassen wurden, für sich und für die anderen ein Zeichen hinterlassen. Ein Votivbild, in einer kleinen Kapelle: „Da bin ich im Gewitter nicht umgekommen, oder: Da bin ich nicht verhungert, als mir die ganze Ernte umgekommen ist …“ Die ganze Kapelle ist voll mit diesen Zeichen. Welches Zeichen willst du setzen?

Als Konfirmand habe ich das mal in meiner Heimatgemein­de erlebt. Der Gemeinde-Methusalem, Dr. Ehrke, weit über 90, stand eines Tages mal im Gottesdienst auf und erzählte in aller Öffentlichkeit davon, wie Gott seine Bitte um Heilung erhört und ihm noch Zeit geschenkt hatte. Und die wollte er jetzt nutzen, um nicht einfach so weiterzumachen wie neun von den geheilten Samaritern aus dem Lukasevangelium, sondern indem er das festhielt und öffentlich erzählte. Also ein Bekenntnis ablegte. Oder ein Zeugnis, wie das in frommen Kreisen heißt. Das hatte mich damals schwer beeindruckt. Und ich fing an, das zu glauben, dass Gott hilft. Spätestens rechtzeitig.

Durch so ein Zeichen hältst du also was für dich selber fest. Und verbindest dich umso fester mit Gott. Ich verspreche dir: Du kriegst anschließend die Flasche auf. Garantiert.Und du zeigst anderen, dass Gott hält, was er verspricht. Damit die ihre Flasche auch aufbekommen. Amen. (Kanzelsegen)