24.11.19 – Armin Kistenbrügge – Die klugen und törichten Jungfrauen

Predigt über Mt 25,1-13 am Ewigkeitssonntag in Edingen und Greifenstein

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

(Ich nehme das Öl-Lämpchen mit an die Kanzel, und mein Handy. Beides lege ich gut sichtbar neben mich auf die Brüstung bzw. in Greifenstein auf den Altar.)

Wie bereit bist du? Ich hab auf jeden Fall mal das Handy mit. Weil ich Bereitschaft habe. Es könnte ein Anruf kommen, und ich möchte in Rufweite sein. Es geht jetzt aber nicht um meine Abrufbarkeit bei der Polizeiseelsorge. Aber vielleicht ruft ER mich an. (nach oben zeigen.) Und dann will ich rangehen.

Ach, das habe ich gar nicht nachgeguckt: Hoffentlich ist mein Akku nicht gleich leer. Ist mir schon x-mal passiert. Ich bin nämlich nicht so ein Handy-Süchtiger, nicht dass ihr das denkt, der in jeder freien Sekunde an diesem Ding rumdaddelt, irgendwelche WhatsApp Nachrichten schreibt oder anderen per Twitter damit auf die Nerven falle, dass ich der ganzen Welt erzählen muss, was ich gerade mache, und wenn’s nur Nasepopeln ist. Weil ich das vergesse mit dem Aufladen, deshalb ist mein Akku immer dann leer, ihr ahnt es schon, wenn ich doch mal einen wichtigen Anruf kriege.

Ich möchte heute mit euch darüber nachdenken, wie das ist, geistlich in Bereitschaft zu leben. In Rufbereitschaft und bereit zum Aufbruch. Oder in Abrufbereitschaft. Jürgen, du könntest darüber eine Menge erzählen, wie das ging im Beruf, ohne dass man am Rad dreht. Oder eine Krankenschwester im Schichtwechsel. (Wer hat mal Schicht in der Klinik gearbeitet?) Wenn du Nachtwache hast z.B. Also lasst uns die Predigt am Ewigkeitssonntag nutzen und uns ein kleines Stück auf das Ende vorbereiten. Auf das Abgerufen werden. (Die heute, die hier sitzen, weil sie einen Angehörigen im letzten Jahr verloren haben, die könnten ein bisschen erzählen, wie das ist, sich darauf einzustellen, sich damit abzufinden, oder das Gegenteil: vom Tod überrascht zu werden und sich nicht darauf vorbereiten zu können.)

Nicht, dass einer meint, dass wär’ hier nicht der Ort. Wo denn dann? Und wann sonst, wenn nicht heute? Zum Trost gehört auch, darüber nachzudenken. Am Ewigkeitssonntag. Nichts ist zuverlässiger vorherzusagen, als dass du mal sterben musst. Ich hab noch mal recherchiert: Die Sterblichkeitsrate unter Menschen liegt immer noch bei exakt 100 %. Das weißt du. Aber glauben kann man’s nicht. Ob ich am Ende vor Gott stehe und allein von ihm abhängt, ob und was mit mir wird, dass kann ich nicht wissen, sondern das glaube ich – das heißt, ich setze mein Leben drauf, wie bei einer Wette. Aber dass ich sterben muss, das weiß ich, und du auch – aber glauben kann ich das nicht.

Ich weiß, diese Vorbereitung wird gerne hinausgeschoben. Aber früher war das allgemein üblich, dass sich Menschen, wenn sie bei Trost waren und nicht von allen guten Geistern verlassen, auf ihr Ende vorbereiteten. Rechtzeitig. Nicht „Matthäi am Letzten“ und dann mit Torschlusspanik. Nur wir aufgeklärten Zeitgenossen scheinen das nicht mehr nötig zu haben. Oder wir wissen nur einfach nicht mehr, wie das geht.

Bei diesem kleinen Geburts-Vorbereitungskurs für das ewige Leben leitet uns heute ein Bibeltext, ihr habt ihn in der Lesung schon gehört, aus Matthäus 25, das sog. Gleichnis von den klugen & den törichten Jungfrauen. Die ultimative Illustration, was „Torschluss-Panik“ bedeutet: Die einen haben ihre Lämpchen aufgefüllt, die anderen haben sich nicht gekümmert. Es dauert, sie pennen ein, aber dann geht’s los, sie werden abgeholt und sie sind nicht vorbereitet. Und stehen blöd da. Und ihnen geht die Tür vor der Nase zu. Mann, dieses Gleichnis hat’s dermaßen in sich.

Auf den ersten Blick geht’s dabei um das Ende der Welt und das Ende der Zeit, um die Wiederkunft Christi am Ende der Tage. Aber die Vorbereitung auf dieses Ende und die Vorbereitung auf dein und mein Ende ist ganz ähnlich.

Also, der Vorbereitungskurs geht los: Wie gelingt es dir, am Ende nicht dumm aus der Wäsche zu gucken, wenn du abgeholt wirst? Also klug zu sein und nicht töricht: Ich habe heute drei kurze Lektionen vorbereitet.

I

Die erste Lektion ist eine Entspannungsübung und hat mit dem Rhythmus von Wachen und Schlafen zu tun. Jesus sagt: „Wachsam sein!“ Aber das kann ja unmöglich heißen, immerzu in Hab-Acht-Stellung zu verharren. Allzeit bereit. Das hält keiner aus. Ständig unter Strom. Auf stand by verbraucht man auch Energie.

Immerzu unter Spannung zu stehen: Das macht krank. Gott will dich doch nicht krank machen! Er plant keinen Überfall auf dich und überfällt dich im Schlaf. Das ist eine toxische Vorstellung von Gott. Die gehört definitiv nicht zum Evangelium. Nicht Gott ist so; aber das Leben selber kann so schnell zu Ende sein, dass du noch nicht mal den Satz zu Ende sagen kannst, den du gerade angefangen hast! (Bei mir war das so. Ich hatte ab der Narkosewirkung bei der Not-OP noch ungefähr drei Sekunden bis zur tiefen Bewusstlosigkeit, wo sie mich ausknipsen und ich an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werde und mir keiner sagen konnte, ob ich das überlebe und noch mal in diesem Leben aufwache.)

Das hält aber kein Mensch aus, sich das ständig zu vergegenwärtigen. Und das sollen wir auch nicht.

Ein befreundeter Pfarrer hat mal gesagt: An einem Tag werde ich sterben. Aber an allen anderen Tagen nicht! Also ständig wachsam bleiben ist nicht heilsam. Zwischendurch darf auch mal geschlafen werden. Und verschlafen darf man auch! Ist euch aufgefallen, dass in dem Gleichnis alle Mädchen einschlafen, auch die braven, nicht bloß die doofen? (Ich muss euch gestehen, wenn ich das Gleichnis aus dem Kopf hätte erzählen sollen, dann wären die Klugen gar nicht eingenickt. Stimmt aber nicht: Alle schlafen ein, als es länger dauert.) Das scheint nicht das Problem zu sein. Und nicht das Entscheidende: Die Müdigkeit zwischendurch. Dass du auf Biegen und Brechen wach sein musst. Echte Aufmerksamkeit braucht womöglich auch Entspannung. Dein geistliches Leben braucht beides: Die Aufmerksamkeit auf das Handy, aber auch die Gelassenheit, nicht ständig draufzustarren.

Das Problem ist nämlich in dem Gleichnis auch, dass Jesus nicht gesagt hat, wann er kommt, sondern nur dass er kommt. Und in deinem Leben ist‘s genauso: Nicht das ob steht in Frage, sondern das wann deines Endes.

Und dann ist die Frage, wie du dich vorbereitet hast. Wer die ganze Nacht Party macht, Highlife, der ist am entscheidenden Zeitpunkt so groggy, dass er nichts mehr mitkriegt. So wie bei dem Werbespot für Halspastillen: (Flüstern:) „Wir feiern die ganze Nacht bis morgen früh …“Stimme weg? Wenn du angerufen wirst, wenn das Handy dann wirklich klingelt, und dir hat es die Sprache verschlagen, du kannst nicht antworten, du kriegst keinen Ton raus. Die Stimme am anderen Ende fragt noch zweimal nach: (Mit Telefonstimme:) „Hallo, N.N., bist du dran? Hallo?!“ Und dann wird aufgelegt.

II

Oder du bist zu verdöst, und du findest das Handy nicht. Du weißt einfach nicht mehr, wo du es das letzte Mal hingelegt hast. (Bei uns zu Hause ist das manchmal so mit den Mobilgeräten, die nicht auf der Ladestation stehen, sondern irgendwo im Haus liegen, wo man es das letzte mal liegen gelassen hat. Es klingelt, und ich renne panisch durchs Haus und suche das Telefon: Und wenn du es gefunden hast und du gehst ran: genau da hört es auf zu bimmeln. Immer.)

Das gibt’s im Glaubensleben von ganze Vielen genauso: Du hast die Verbindung zu Gott irgendwohin verlegt. Oder bist noch nicht mal auf Empfang: Es gibt Leute, die haben ein Handy in der Tasche und haben es nie an. Nur, wenn es nötig ist. Dann ist deine Verbindung wie eine Einbahnstraße. Ein Notruf, der dann auch nicht klappt, weil dein Akku leer ist, wenn’s drauf ankommt. Und damit sind wir bei der zweiten Lektion: Deine Verbindung muss stehen! Oder mit dem Gleichnis gesprochen: Du musst dein Lämpchen pflegen! Das muss nicht geputzt und Top in Schuss sein. Es muss in Gebrauch sein. Sonst trocknet er aus, der Docht, und wenn du ihn anzündest, glüht er weg. In Nullkommanichts.

Was ich meine, ist die Erfahrung, dass Glaube nichts hilft, wenn du ihn nur ab und zu mal rausholst, aus dem Kinderschrank, wo du ihn abgelegt hast wie deinen Konfirmationsanzug und es ist klar, dass er dir jetzt nicht mehr passt. Du willst Gott antworten, und die Worte, die du noch gefunden und abgestaubt hast: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein“, die waren damals echt, aber jetzt stimmen sie schon lange nicht mehr, du bist nicht mehr klein, dein Herz ist nicht mehr rein, und drin wohnen tut noch ganz was anderes. Dein Glaube ist nicht mitgewachsen.

Das ist wie eine Heizung, die dafür sorgen soll, dass du innerlich nicht erfrierst. Du hast sie trocken laufen gelassen, und dann brauchst du sie, es ist kalt geworden um dich. Und die Heizung ist eingerostet. Der Tank leer.

Ich sage es dir; ich gebs dir schriftlich: Dir geht das Benzin aus. Im Leben. Kannst dich drauf verlassen. Woher kommt dann deine Kraft? Was hält dich warm? Dir werden die Worte ausgehen. Die Erklärungen. Dann ist es gut, wenn du Worte hast, die nicht vergammeln, die nicht wie Himmel und Erde vergehen, wenn dir die Erde unter den Füßen wegrutscht und du den Himmel nicht mehr siehst. Wenn du mit deinem Latein am Ende bist.

An dieser Stelle jetzt die Vorbereitungsübung: Öl in dein Lämpchen füllen. Es gibt Leute, die pflegen ihr Auto besser als ihre Seele. Deshalb trainier deinen Glauben wie deine Knochen. Das Singen wieder lernen. Ruhig leise, oder falsch, ganz egal. Aber von Herzen. Das Beten wieder versuchen. Wenn nicht mit eigenen Worten, dann mit geliehenen. Ist genauso OK: Und auch das: Auswendig lernen: Psalmen. Lieder. Bibelverse. Worte, die im Leben und beim Sterben Wegweiser sein können. Nicht, dass ihr die einfach brav aufsagen könnt. Nicht pauken. Sondern damit leben. Ihr müsst sie so verinnerlicht haben, dass nicht mehr ihr die Worte sprecht, sondern die Worte euch tragen!

(Du musst einen Satz haben, den du als deinen letzten sagen könntest, wenn dir die Gelegenheit dazu gegeben ist. In den drei Sekunden, die ich noch vor der Narkose hatte, da war nur noch Zeit für einen einzigen gebeteten Satz, bevor mein Bewusstsein weg war. Ich war so froh, was auswendig zu können!)

III

Wie viel Öl ist in deinem Lämpchen, im Moment? Ich weiß, die Frage ist fast ungehörig und kaum ehrlich zu beantworten. Es geht auch nicht darum, aufeinander zu zeigen, die einen sind die frommen Jungfrauen, und die anderen sind die doofen, die einen geben an und beschämen die anderen. Hier ist nicht der Ort zum Vergleichen, sondern zum gemeinsamen Nachfüllen! Dafür seid ihr hier. Hier gibt’s Öl. Für deinen Glauben, für deine Hoffnung.

Das ist übrigens schon die dritte Vorbereitungsübung, die ich aus dem Gleichnis gelernt habe. Du bist mit deinem Lämpchen nämlich nicht alleine. Wir warten zusammen. Guck, dreh dich um, nach links und nach rechts: um dich herum, alles Wartende. Mit ihren Lämpchen. Du musst nicht mutterseelenallein Wache schieben und auf den entscheidenden Anruf warten und Angst haben, du könntest ihn verpassen. Wir passen auch ein bisschen aufeinander auf. Sollten wir jedenfalls.

Das Gleichnis mit den zehn Mädchen – früher sagte man ,Jungfrauen’ und dem einen Bräutigam lädt zum Missverstehen geradezu ein, als wären wir alle geistliche Egoisten, jeder nur schön für sich mit seinem Jesus, bloß meinen Glauben nicht mit anderen teilen. Dabei kannst du deinen Glauben gar nicht alleine für dich leben! Der glimmt aus, so viel Öl kannst du gar nicht bunkern im Tank. Das Öl kriegst du in Wirklichkeit nur in die Lampe, wenn du es dir hier, aus der Gemeinschaft im Glauben holst! Aber es ist deine Lampe, die brennen soll! Und du musst vorher getankt haben und nicht erst, wenn’s dich wärmen soll oder du „mehr Licht“ brauchst. Das heißt: Deine Vorbereitung aufs Ende soll nicht kurz vor knapp anfangen, sondern dafür ist dein Leben hier da! „Wir sind nicht umsonst auf dieser Welt“, hat Matthias Claudius gesagt. „Wir sollen hier reif für eine andere werden.“

Dein Lämpchen soll leuchten. Sonst findest du den Weg im Dunkel nicht. In dem Gleichnis geht’s zuletzt auch darum, dass du irgendwann wirklich alleine durch die Tür musst.

Hast du irgendwas noch nicht erledigt, was du ausgeräumt haben möchtest, was zu sperrig ist und sowieso nicht durch die Tür passt, durch die du musst? Gibt es was, das du loswerden möchtest, bevor du angerufen wirst, oder abgerufen? Dann ruf mich an. Ich helfe beim Loslassen, beim Abgeben. Wir füllen dein Lämpchen. Amen. (Kanzelgruß)