31.12.19 – Armin Kistenbrügge – Silvester

Predigt über Hebräer 13,8.9: Gib mir ein festes Herz

An Silvester 2019 in Greifenstein und Edingen

Liebe Edinger (Greifensteiner) Geschwister!

Leute, nicht die Zeit fließt immer schneller. Das kommt uns nur so vor. Den Eindruck hat man, wenn man über 50 ist. Aber der Wandel ist schneller geworden. Noch schneller. Was würdet ihr sagen, ist das prägende Wort 2019 gewesen? – Ich würde sagen: Klimawandel. Da steckt der Wandel schon drin.

Die Veränderung geht immer schneller. Neulich hab ich Teenies gehört, die ihre Großeltern gefragt haben: „Sag mal, Omi, als es noch keine Smartphones gab, wie seid ihr da eigentlich ins Internet gekommen?“ Wer von euch hatte vor 2010, also vor 10 Jahren, ein Smartphone? – Keiner. Ich möchte nicht wissen, was diese Entwicklung für das nächste Jahrzehnt bedeutet, das wir jetzt starten. Ich befürchte, es wird kein Stein auf dem anderen bleiben.

Und wir versuchen, durch diese turbulenten Zeiten zu navigieren. Und machen in immer kürzeren Abständen immer größere Steuerungsbewegungen. Das ist so wie Kanufahren auf der Lahn. Wenn man‘s noch nie gemacht hat. Kennt ihr das, wenn du versuchst, dein Kanu auf Kurs zu halten, das driftet nach links und du paddelst wild dagegen, erstmal tut sich nichts, du ruderst noch wilder, und dann hast du deinen Kurs total überkorrigiert und dein Kahn eiert ans rechte Ufer, und zwar noch viel doller und du musst noch mehr gegensteuern. Und so sieht dann dein Kurs auf dem Fluss aus, wenn man dich mit Abstand beobachtet: Du eierst total rum und machst die Meile zu sieben Vierteln und verbrauchst das dreifache an Kraft.

„Als sie das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten sie die Geschwindigkeit.“ Sagt mal, hab nur ich den Eindruck, dass wir immer kurzatmiger werden? Als wollten wir „Atemlos“, den Helene Fischer – Song, als Lied des Jahrzehnts nachträglich in den Olymp der popmusikalischen Zeitansagen heben. Erbarmen!

Liebe (Greifensteiner) Edinger Geschwister, ein bisschen vergleichbar damit war die Situation, in der der Hebräerbrief geschrieben worden ist. Der ging an ziemlich verunsicherte Gemeinden. Der Abstand zur Zeit der Apostel und zu Jesus war größer geworden, wo Gott durch Jesus ein für alle Mal geredet hatte (Hebr. 1,1). Und jetzt war alles nicht mehr so eindeutig. Jetzt kam alle Woche einer mit einer neuen Heilslehre um die Ecke und verkauft dir mit hohem Pathos Fake news als die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, und je unsicherer man wurde, desto häufiger die abrupten Kurswechsel. Und dann eierst du als Gemeinde von einem Extrem ins andere. In dieser Situation sagt der Verfasser des Hebräerbriefes: „Leute, lass euch nicht kirremachen!“Hört mal auf den Predigttext für den heutigen Silvestertag:„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.“ (Hebr. 13,8.9)

Liebe (Greifensteiner) Edinger Geschwister, wie können wir in diesem totalen Wandel aushalten? Dafür möchte ich euch heute Abend was mitgeben. Ich sehe drei Möglichkeiten. Zwei davon sind wie Kanufahren für Anfänger. Also rumgeeiert.

} Die erste: Wenn das Einzige, worauf du dich verlassen kannst, der Wandel ist, dann leb dein Leben doch so, als wäre jeder Tag dein letzter. „Wenn sowieso alles ein Ende hat, nur die Wurst hat zwei, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ Das hat Paulus den Korinthern gesagt, für die die Auferstehung und die Ewigkeit sich im lockeren „Hier und Jetzt“ auflöst. (1. Kor 15,32)

Klingt für mich ziemlich aktuell. Das ist heute die verbreitete Lebensmaxime: „Leb dein Leben, als wäre jeder Tag dein letzter.“ Es gibt ziemliche viele Filme, wo Leute nur noch begrenzte Zeit zum Leben haben und dann eine Liste mit Sachen auf­stellen, was sie alles vor ihrem Exitus noch erleben wollen: Fallschirmspringen, was Verrücktes tun, ans Ende der Welt fahren, Sex an allen möglichen Orten … Das meiste davon hat mit Spaß zu tun. Als wäre das Leben ein Besuch im Vergnügungspark, der irgendwann schließt, und davor musst du so viel mitnehmen, wie du kriegen kannst. Sieh zu, dass du schön viel gesehen hast, fahr mit möglichst vielen Fahrgeschäften. Viel Spaß. Eure Enkel werden es euch danken. Von wegen drei Erden zum Preis von einer verbrauchen.

} Die zweite Möglichkeit ist wie beim Kanufahren das Eiern ins andere Extrem. Nach dem Motto: „Alles ändert sich. Es gibt ein paar Dinge, die bleiben.“ Das könnte ein Werbespot für eine gediegene Biermarke sein. Radeberger oder so. So kann man an Silvester über diesen Bibeltext auch predigen: „Hach, es vergeht alles so schnell. Gut, dass man sich bei Gott drauf verlassen kann, dass der sich nicht ändert.“ Und dann kommen ein paar alte Weisheiten, olle Kamellen, die schon in den 70ern jeder x-mal gehört hatte, alle sind zufrieden und keinem ist in Wirklichkeit ein Stück von Gottes Ewigkeit begegnet.

Das ist nämlich die geistliche Versuchung: Dass im Glauben immer alles beim Alten bliebe. Alles ist so vorhersehbar, total öde, man weiß immer gleich, was als Nächstes für ein Textbaustein kommt. Kennt ihr den Witz mit dem lieben Jesulein? Ist ein Berliner: Fritzchen sitzt im Religionsunterricht. Die Lehrerin erzählt irgendein Märchen: „Kennt ihr das Tier, es hat einen buschigen Schwanz und hüpft von Ast zu Ast?“, und Fritzchen wird gefragt und antwortet: „Also, ich würd ja saren, det isn Eichkater, aber wie ick den Laden hier kenne, is det wieda det liebe Jesulein.“

Das ist eine Illusion, dass du deinen Glauben einfrieren könntest in schnelllebigen Zeiten, damit der sich nie ändert! „Wenn wir das, was die Väter taten, so tun, wie die Väter es taten, dann tun wir gerade nicht, was die Väter taten!“

Wenn das nämlich stimmen würde, wäre ein Gottesdienstbesuch wie die Gefangenschaft in einer Retro-Zeitschleife. So wie beim „groundhog-day“, kennt ihr den Film: „Täglich grüßt das Murmeltier“? Wo einer in einem Kaff in Pennsylvania immer und immer wieder denselben Wintertag erlebt? Stellt euch vor, wir machen eine Zeitreise ins Jahr 2030 und sehen den Greifensteiner (Edinger) Gottesdienst, und da ist immer noch alles genauso. Es wird immer dasselbe gesagt, das gleiche gedacht, dieselben Leute mit denselben Geschichten über dieselben Orte, nur älter. Wie ein Hauskreis, der sich seit 100 Jahren trifft. Und jeder weiß vom anderen, was der zu welchem Stichwort immer sagt.

Ich war mal vor Jahren auf einem Willow Creek Kongress, da erzählte Bill Hybels davon, dass ihnen eines Tages aufgefallen wäre, dass sie in der Gemeinde schon seit fünf Jahren nichts mehr geändert hätten und waren erschrocken! Erzähl das mal einer Kirchengemeinde im Kirchenkreis an Lahn und Dill!

Von Bert Brecht gibt es diese kleine Szene, wo einem Mann ein entfernter Bekannter begegnet, und der begrüßt ihn: „Du hast dich aber gar nicht verändert!“ Und der Mann erblasste, schreibt Bert Brecht. Sich nicht mehr zu verändern, was bedeutet das am Ende? Wisst ihr, wann man sich absolut nicht mehr verändert? Wenn man tot ist. Wollen wir das über unseren Glauben und über Gott behaupten?

Das überraschende und nicht das vorhersehbare ist, dass Gott inmitten aller Veränderung derselbe bleibt. Das ist das Geheimnis der Identität. Nicht nur bei Gott, sondern schon bei dir: Wie kannst du dir sicher sein, dass du noch derselbe bist wie vor 20 Jahren, wo kaum eine Zelle in deinem Körper noch dieselbe ist! Aber das ist das Geheimnis gelingender Beziehungen: Dass nicht alles beim Alten bleibt, sondern dass deine Frau sich verändert und du dich auch, und du sie weiterliebst! Weil deine Identität in der gemeinsamen Geschichte steckt. Weil dir jemand sagt: „Du hast dich verändert, und ich liebe dich immer noch!“ Und hier steckt auch das, was an Gott unveränderlich ist und ihn doch lebendig sein lässt (die Rede vom „lebendigen Gott“ ist übrigens auch aus dem Hebräerbrief, das kommt nicht von ungefähr): Es ist seine Liebe, die mit uns durch die Zeit geht und sich nicht raushält aus den ganzen Veränderungen.

Und an der Stelle bin ich bei der dritten Möglichkeit, wie wir in dem Wandel aushalten können. Wir bitten Gott um ein festes Herz. So wie das im Hebräerbrief steht.

Wie bekommt man ein festes Herz, und kein hartes? Das wäre ein Rückfall in die Haltung, die ich eben beschrieben habe. Ein hartes Herz, das sperrt sich gegen jede Veränderung und hält das ewig Gestrige für Glaubensfestigkeit: „Das war schon immer so“, „was gestern richtig war, kann heute doch nicht falsch sein“, „das haben wir schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen“. Da wird Treue und Stetigkeit mit Erstarrung verwechselt.

Ein festes Herz ist was anderes. Das ist ein Herz mit einem festen Puls, der sich nicht aus dem Takt bringen lässt. Ein Herz, das dir nicht bei jeder Veränderung in die Hose rutscht, und bei jedem Schicksalsschlag aussetzt. Ein Herz, das Halt in der Ewigkeit gefunden hat. Das von der Ewigkeit berührt worden ist. Schon jetzt und in aller Veränderung.

Normalerweise denkt man ja, dass man erst mit dem Tod mit der Ewigkeit in Berührung kommt. Und die Ewigkeit, die liegt dann dahinter. Die geht für dich erst los, wenn deine Zeit abgelaufen ist. Dann fängt die an. Was natürlich Quatsch ist, weil Ewigkeit nicht irgendwo anfangen kann. Die läuft ja schon. Sozusagen.

Wisst ihr, wo euer Herz mit der Ewigkeit in Berührung kommt? In der Liebe. Zum Beispiel bei einer Geburt. Zu Weihnachten im Stall oder im Ehringshäuser Krankenhaus. Auch die Geburt ist eine Berührung mit der Ewigkeit. Wo ein Mensch ins Leben tritt. Wenn da, wo vorher niemand war, plötzlich jemand ist, der einen Namen hat. Der lacht und singt. Der liebt und leidet. Und wenn dann einer sagt oder denkt: Ich wünsche mir, dass du für immer da bist. Weil es dich nur einmal gibt. Weil ich dich liebe. Da berührt die Ewigkeit die Einmaligkeit, das Zufällige. Das ist das Wunder, dass es dich gibt. Und mich. Da geht’s nicht einfach um die Dauer. Sondern darum, dass jemand einfach da ist. Und bleiben soll. Das hat nicht mit der Länge zu tun, sondern mit der Liebe. Die Liebe ist eine Dimension der Ewigkeit. Und das Herz ist der Ort, an dem Gott bei dir die Sehnsucht nach seiner Ewigkeit gesät hat.

Mit dieser Perspektive der Ewigkeit kannst du heute schon leben. Nicht erst am Sankt Nimmerleinstag oder wenn du ins Gras beißt, als ewige Spielverlängerung. Mit der Perspektive der Ewigkeit zu leben heißt gelassen, aber nicht nachlässig zu sein. Wer so lebt, verwechselt das Vorläufige mit dem Endgültigen nicht mehr so leicht. Dietrich Bonhoeffer hat das die Unterscheidung zwischen Letztem und Vorletztem genannt. Das macht wirklich gelassen: Weil du nicht mehr so viel in dein Leben reinpacken musst. Und auch nicht festhalten musst. Und du musst dich trotzdem nicht damit zufrieden geben, dass angeblich alles nur vorläufig ist und relativ.

Und wenn du dann merkst, dass die Jahre deines Lebens irgendwie schneller vergehen als früher, als du 18 warst – also so ab fünfzig, dann brauchst du keine Torschlusspanik zu bekommen, sondern kannst die Beschleunigung im Licht der Ewigkeit Gottes begrüßen. Denn in deinem Leben kommt‘s nicht drauf an, ob du es geschafft hast, zwei Leben in deinem einen untergebracht zu haben, als wären deine Tage so voll wie 1000 Jahre, sondern es zählen die Momente, an den du in deinem Leben ganz da gewesen bist, wo du Gott begegnet bist und ihm geantwortet hast, auch darin, dass du seine Liebe weitergegeben hast.

Die Australierin Bronnie Ware hat jahrelang Menschen gepflegt und sich dabei die Zeit genommen, mit ihnen intensive Gespräche zu führen. Auf einer Palliativstation, wo also Menschen in Würde und umsorgt sterben können. Wo in jedem Raum die begrenzte Zeit zu greifen ist, und die Frage, was in Ewigkeit von einem bleibt. Da sind Gespräche mitunter sehr viel ehrlicher. Danach hat sie über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen.“ Auf der Liste stand keine von den Sachen, die dich dein Leben lang am Laufen halten, die deine To-do-Listen füllen. Und auch nicht, was du an „Fahrgeschäften“ im Vergnügungspark vielleicht verpasst hast. Eins von diesen fünf Dingen war: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, den Menschen, die ich liebe, das wirklich sagen. Und zu zeigen.“ Es sind Beziehungen, die dich tragen. Ein Leben lang. Und das gilt auch, wenn du über dein Leben hinaus fragst. Genau an dieser Stelle hat Gott nämlich die Ewigkeit in dein Herz gesät. Da geht es einfach nicht, sich mit dem Vorläufigen abzufinden. Es ist die Liebe, die sich nach Ewigkeit sehnt. Die macht dein Herz fest. Und hält dich fest an Jesus, der dich durch alle Veränderungen hindurch zu sich hin liebt. Gestern. Heute und in Ewigkeit. Amen.