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Predigt

14.04.19 – Kerstin Offermann – Der Einzug ins verheißene Land (5. Mose 31/34)

Kerstin Offermann: Predigt zum Palmsonntag am 14.04.19

  – Kanzelgruß: Die Gnade Gottes und die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft unseres Herrn Jesus Christus sei mit Euch allen!

Grade haben wir gehört, wie Jesus in Jerusalem eingezogen ist. Als Predigttext hören wir heute von der Vorbereitung zu einem anderen Einzug – dem Einzug der Israeliten ins verheißene Land.

Beide Ereignisse sind nur so gespickt mit Gefühlen: Begeisterung, Erwartung, Hoffnung, Sehnsucht, Angst, Vorahnung, Enttäuschung. Von allem ist was dabei. Aber hört selbst:

1 Nun sagte Mose zum ganzen Volk Israel:
2 »Ich bin jetzt 120 Jahre alt; ich kann nicht mehr euer Anführer sein. Außerdem hat der Herr zu mir gesagt: ›Du wirst den Jordan, der hier vor dir liegt, nicht überschreiten!‹
3 Der Herr, euer Gott, wird selbst vor euch herziehen. Er wird die Völker dieses Landes dem Untergang preisgeben, sodass ihr sie vernichten könnt. Josua soll euer Anführer sein, wie der Herr es angeordnet hat.
4-5 Der Herr wird die Völker des Landes genauso in eure Hand geben wie die Amoriterkönige Sihon und Og. Dann müsst ihr an ihnen den Bann vollstrecken, wie ich es euch in seinem Auftrag befohlen habe.
6 Seid mutig und entschlossen! Habt keine Angst! Erschreckt nicht vor ihnen! Der Herr, euer Gott, wird selbst mit euch ziehen. Er wird euch gewiss nicht im Stich lassen.«
7 Mose rief nun Josua zu sich und sagte zu ihm vor allen Israeliten: »Sei mutig und entschlossen! Du wirst dieses Volk in das Land bringen, das der Herr ihren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hat; du wirst es auch unter sie aufteilen.
8 Der Herr selbst wird vor dir herziehen. Er wird dir helfen und dich niemals im Stich lassen. Hab keine Angst und lass dich von keinem Gegner einschüchtern!«

Aus dem 5. Buch Mose Kapitel 31

Da ist Mose also 40 Jahre mit einem Pulk von Menschen durch die Wüste gezogen. Das war anstrengend für ihn, bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Diese Menschen waren nicht immer leicht zu handeln gewesen. Aber sie waren seine Leute. Und er hatte ein Ziel: mit ihnen in ein Land zu kommen, wo sie bleiben können, das fruchtbar und gut ist und das ihnen von Gott selbst versprochen worden ist. Und nun steht er kurz vor dem Ziel – in Sichtweite. Aber er darf nur reinschauen. Er wird selbst keinen Fuß in das verheißene Land setzen. So kurz vorm Ziel – doch noch gescheitert?

Ist Gott ungerecht?

Da sind die Israeliten, die sich eigentlich in ihrer nomadischen Existenz ganz gut eingelebt haben. Sie kennen ja nichts anderes. Aus den Erzählungen ihrer verstorbenen Eltern und Großeltern wissen sie, dass die schon mal versucht haben in dem Land sesshaft zu werden, in das Mose sie nun schicken will. Aber damals sind sie gescheitert. Damals hatten sie keine Chance gegen die Bewohner des Landes! Diesmal soll alles anders sein? Sie haben da so ihre Zweifel – und ehrlich gesagt haben sie auch gar keine Lust zu kämpfen. Sie wollen nur in Ruhe leben. Und dann scheint es ja auch noch so, als ob ihr Anführer in den nächsten Tagen sterben wird. In einer solch unsicheren Situation sollte man doch kein solches Risiko eingehen, oder?

Erlaubt mir kurz aus der Erzählung auszusteigen um unserem eigenen Unbehagen mit dem Text Raum zu geben. Dieser Aufruf zur Vernichtung der Menschen, die schon im Land leben, ist schwer zu ertragen. Und das auch noch im Namen Gottes! Was für furchtbare, grausame Texte. Das ist nicht der Gott, an den wir glauben!

Schaut man sich das Ganze auf der historischen Ebene an, erhellen sich manche Dinge schon mal deutlich.

Aus den archäologischen Funden in Israel und Palästina geht ziemlich klar hervor, dass es die kriegerische Landnahme nicht gegeben hat. Die Texte bewahren Erinnerungen an eine langsame Entwicklung, in der nomadisch lebende Gruppen aus dem kargen Bergland in das fruchtbare Tiefland einwanderten. Ähnliche Entwicklungen kann man heute z.B. in Nigeria beobachten, wo durch den Klimawandel bedingt die traditionellen Weideflächen der Nomaden nicht mehr genug Futter für ihre Tiere hergeben. Darum ziehen die Nomaden auch in landwirtschaftlich genutzte Gebiete, was offensichtlich zu vorhersehbaren Konflikten führt, die oft in Kleinekriegen, also mit Gewalt ausgetragen werden.

Wir begegnen in einem fort schillernden Hoffnungen und existentiellen Sehnsüchten, die aber unerfüllt bleiben:

Mose hoffte darauf, die Erfüllung von Gottes Verheißungen zu erleben, seine Bürde loszuwerden, seine Aufgabe erfüllt zu sehen und mitzubekommen, dass er nicht gescheitert ist und dass das Volk heil angekommen ist. Er hoffte darauf, Gottes Treue zu erleben und auch zu erleben, dass das Volk treu ist. Aber er wird das verheißene Land nicht betreten und muss das Volk alleine ziehen lassen.

Beim Blick ins verheißende Land hofften die Menschen auf Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Aber wenn man sich die Geschichte ansieht, dann gehen sie in eine lange Folge von bewaffneten Konflikten hinein, die ja bis heute nicht abreißen wollen. Es ändert sich nur immer mal, wer in dem Konflikt grade der Stärkere ist. Aber Frieden sieht anders aus!

Wir sind enttäuscht, solche Texte sogar in der Bibel lesen zu müssen und immer wieder solche Konflikten aufblühen zu sehen, wo wir uns doch nach friedlichen Lösungen und nach guten Lebensbedingungen für alle sehnen, nach einer Umwelt, die intakt ist und uns allen das Weiterleben auf diesem Planeten ermöglicht.

Aber auch bei den Jerusalemern bleiben Hoffnungen unerfüllt. Beim Einzug in Jerusalem wird zwar eine große Verheißung erfüllt, dass nämlich der Friedenskönig auf einem Esel in Jerusalem einziehen wird, so hatte der Prophet Sacharja es angekündigt. Aber gleichzeitig wird die Hoffnung enttäuscht. Die Menschen jubelten beim Einzug in Jerusalem, weil sie auf Freiheit von den verhassten Römern hofften, die ihnen das Leben schwer machten. Davon kann aber im weiteren Verlauf der Geschichte keine Rede sein. Wir wissen ja, wie die Geschichte weitergeht.

Und selbst bei Jesus. Auch Jesus hatte Sehnsüchte und Hoffnungen. Im sogenannten hohepriesterliches Gebet in den Kapiteln 14-17 im Johannesevangelium spricht Jesus aus, wonach er sich von Herzen sehnt und was er von Gott erbittet: dass seine Freunde mit Gott vereint bleiben. Dass sie miteinander in Liebe verbunden bleiben und dass Jesus Worte in ihnen bleiben und weiterwirken.

Sowohl bei Jesus, als auch bei Mose gibt es eine Hoffnung darauf, dass die Menschen, die in den letzten Jahren mit ihnen gelebt haben, sich in dieser Zeit verändert haben. Sie hoffen, dass die Menschen, mit denen sie alles geteilt haben, die von ihnen geprägt worden sind und denen sie durch viele Höhen und Tiefen hindurchgeholfen haben in dieser Zeit andere Menschen geworden sind. Ihnen ähnlicher, Gott näher gekommen sind, mit offenen Herzen für die Liebe Gottes und für einander.

Moses und Jesus haben ihren Freunden Worte hinterlassen. Worte, die eine neue Art zu leben begründen. Die eine gerechte Gesellschaft zum Ziel haben. Sie wollten Menschen aus ihren Weggefährten machen, die in Frieden und Wertschätzung miteinander umgehen, in direktem Bezug zu Gott leben, die geprägt und getragen sind von der Liebe Gottes.

Und beide leben sie uns vor, dass der Weg zu diesem Ziel über das Loslassen führt.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Zusehens weniger damit klarkommt, nicht zu bekommen, was sie haben will.

Wir haben alles und haben gleichzeitig/deshalb/trotzdem solche Verlustängste.

Unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht sind sehr klein geworden. Sehr auf das naheliegende und auf uns selbst gerichtet. Im Grunde so, war es ja auch mit der Sehnsucht und der Hoffnung der Menschen, die mit Mose durch die Wüste gezogen sind und mit den Menschen, die Jesus in Jerusalem zujubeln. Sie wollen einfach nur in Frieden leben und genug zum Leben haben.

Jesus dagegen wählt für sich einen ganz anderen Weg und wer mit ihm unterwegs sein will, dem mutet er diesen anderen Weg zu: sein Weg ist von Anfang an der, freiwillig loszulassen – alles freiwillig loszulassen, statt auf Sicherheit und Besitz, auf sein Recht und seinen Wohlstand zu schauen.

Wie geht das?

Wie findet man zu einer solchen Freiheit?

Wie wird man seine Verlustängste los?

Die Menschen beim Einzug in Jerusalem haben doch auch Freiheit erhofft. Aber doch nicht so!

Und Mose hat für sich und für das Volk Freiheit erhofft – aber er sieht und formuliert die Erfüllung seiner Sehnsucht eben nur als Hoffnung.

Wie passen in diese Hoffnung Tod und Verzicht hinein?

Sowohl Mose, als auch Jesus ermahnen ihre Nachfolger die Worte im Gedächtnis zu behalten, die sie ihnen immer wieder gesagt haben.

Da gibt es Geschichten, durch die das eigene Leben erst verständlich wird und in einem anderen Licht erscheint.

Das Gleichnis von dem reichen Kornbauern z.B., der alles hat und noch mehr zusammenrafft und dann am Ende doch stirbt und nichts hat, was er über den Tod retten kann.

Aber auch die Geschichten, wie Gott seine Leute in der Wüste versorgt. Wie sie alles haben, was sie brauchen, völlig gratis, ohne eigene Leistung.

Die Geschichten weisen unsere Gedanken und unsere Seele an Gott. Sie weisen auf eine Hoffnung und auf eine Realität, die größer ist, als wir.

Die größte dieser Geschichten ist die von Jesus Christus. Davon, dass sein Verzicht und sein Scheitern durch den Tod hindurch zum Leben geführt hat. Sie verweist uns an die schöpferische, lebensspendende Kraft Gottes.

Wir leben von der Auferstehung Jesus Christi her und wir leben auf unsere eigene Auferstehung hin.

Diese Hoffnung hat eine große Integrationskraft. Sei bewährt sich im alltäglichen. Auch Schweres und Enttäuschungen kann diese Hoffnung integrieren. Sogar der Tod hat nicht das letzte Wort. Er ist nicht das Ende aller Hoffnungen, sondern nur ein Schritt auf dem Weg zum Leben.

Diese unglaublich große und großartige Perspektive für das Leben zieht sich durch die Worte, die Mose und Jesus uns hinterlassen haben. In diese Worte steckt eine Kraft, uns anzustecken mit dieser Perspektive auf das Leben. Wir lernen das Leben genauso zu sehen, wie Gott es sieht. Wir lernen, mit Gottes Gegenwart, mit der Präsenz von Gottes Kraft in jedem Moment zu rechnen. Und wir werden Teil dieser Bewegung für ein besseres Leben. Die Worte pflanzen uns eine Vision ins Herz, die Vision von einem liebevollen und gerechten Miteinander aller Menschen auf dieser Erde.

Die Worte machen uns nicht zu weltfremden Spinnern, aber sie schrecken uns auf aus unserem selbstzufriedenen und selbstbesorgten Alltagstrott.

Sie führen in eine Freiheit, in die Kraft von Resilienz und Hoffnung, das Leben annehmen zu können, wie es kommt und gleichzeitig sich nie vom Leben die Hoffnung verbieten zu lassen.

Es gibt mehr für dich, als du dir selbst schaffen oder erhalten kannst, darum lass los. Was auch kommt, Gott ist damit nicht überfordert und Liebe und Gerechtigkeit bekommen eine Chance durch dich.

  – Friedensgruß: Der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Liedstrophe: EG 91,7-9