19.04.19 – Armin Kistenbrügge – Karfreitag

Predigt über Johannes 19, 13

Liebe Greifensteiner (Edinger) Geschwister,

Man kann alles gesehen und erlebt haben. Und doch nichts kapiert. Manchmal reicht es nicht, einfach zu sagen, was passiert ist, wenn man begreifen will, was wirklich geschehen ist. Du kannst alles exakt wiedergeben und doch nicht verstanden haben, welche Bedeutung und welche Reichweite eine Tat oder ein Ereignis hat.4 Wenn eine 800 Jahre alte Kirche abbrennt, dann brennt nicht bloß ein altes Gebäude. Dass man dann halt wieder aufbaut. 4 Wenn ein Mann hingerichtet wird und eigentlich keiner weiß, wer das eigentlich gewesen ist und was sein Tod bedeutet. So war das bei Jesus.

„Tja. Das ist einfach die Geschichte von einem netten Menschen, der ein furchtbares Schicksal hatte, wie traurig, aber zum Schluss hat er ja bekanntlich seine eigene Hinrichtung irgendwie überlebt. Gut für ihn.“ So kann das dann klingen. Du kannst die Geschichte vom Kreuz und der Auferstehung schon hundert mal gehört haben und immer noch nicht verstanden haben, worum es eigentlich geht. Liebe Geschwister, lasst uns heute am Karfreitag neu über die Bedeutung dieses Kreuzestodes nachdenken. Die bekommt man nicht zu Gesicht, wenn man nur die Szene betrachtet.

Für den heutigen Karfreitag ist der Predigttext das Stück aus der Johannespassion, das ihr gerade gehört habt. Ich möchte euch heute zwei Hinweise darauf geben, was dem Evangelisten Johannes wichtig war, in seinem Bericht vom Tod Jesu: Das Schild am Kreuz und das letzte Wort von Jesus.

Do you understand what happened on the cross? To see the scene does not mean you get the meaning what really happened there. If you ask ordinary people they tell you weird things of what they think is the meaning of Jesus‘ death. But lets look at it through the story of John Ch. 19, as Tine was reading. I want to emphasize two things: What was written on that board on the cross – and the last word of Jesus.

I.

Also, was hätte denn auf dem Schild stehen müssen, das die Soldaten im Exekutionskommando am Kreuz anbringen sollten, zur Abschreckung weiterer religiöser Fanatiker, in allen gängigen Sprachen? Was hättest du geschrieben, wenn du gemusst hättest: “Hey du da hinten in der letzten Reihe, komm mal nach vorne, hierher, nimm dir den Griffel, schreib eine Tafel und häng sie auf!“ Was muss da stehen, damit die Leute, die dran vorbeigehen, beim ersten Lesen wissen, wer da hängt? Du hörst schon, wie sie auf dich einreden, was auf das Plakat soll. Die einen sagten: „König stimmt nicht. Das hat er immer nur von sich behauptet. Es muss draufstehen: „Das kommt davon, wenn sich einer göttliche Würde anmaßt und dann von Gott hängen gelassen wird.“ Da hängt ein Gottloser! Kannst du meinetwegen drunter kritzeln. Die anderen wollen streng neutral bleiben: „Nein, keine Wertung. Bloß die Fakten: Jüdischer Prophet mit messianischem Anspruch ohne Lobby.“ Auf keinen Fall! Rufen wieder andere. Theologen diesmal. Da muss drauf stehen, wer Jesus wirklich war: König, Priester und Prophet: König, der die Macht der Liebe aufgerichtet hat. Priester: Mittler zwischen Gott und den Menschen. Prophet, der die Wahrheit selber war.“

Und schon ist der schönste Theologenstreit im Gange. Um die Überschrift über der Szene. Wie im Johannesevanglium. Soll da stehen: „Grausamer Justizmord eines Unschuldigen in einer Militärdiktatur“ oder geht das völlig daneben, und es müsste heißen: “Für unsere Schuld gestorben“ – “Kommt überhaupt nicht in die Tüte!, schimpfen dann eine Menge rheinischer Theologen: „So kann man das heute auf keinen Fall mehr sagen! Da muss man auf jeden Fall betonen, dass man eine Hinrichtung auf keinen Fall instrumentalisieren darf! Schreib drauf, dass Jesus das Los aller Gefolterten und Entrechteten geteilt hat und mit der ganzen geschundenen Kreatur solidarisch ist! Jesus ist nicht für uns gestorben, sondern hat für uns gelebt!“

Au weia. Was für eine Verwirrung. Da bin ich schon froh, dass geschrieben bleibt, was geschrieben ist. Zum Glück habe ich aber doch noch eine Inschrift fürs Kreuz gefunden, die passt:

„O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod“

hat einer gedichtet. Paul Gerhardt. Eine bessere Inschrift für das Schild kann ich mir nicht vorstellen.

Hätte das Schild, das wir geschrieben hätten, einer verstanden, der dran vorbeigegangen wäre? Ist ja heute nicht anders: Dass die Leute am Kreuz vorbeigehen und einfach nicht wissen und nicht verstehen, was das bedeutet. Was Karfreitag bedeutet, weiß heute kaum noch einer. „Kara“ bedeutet auf althochdeutsch Klage. Und hat nichts mit Autos zu tun, mit car, wo sich heute die Tuning-Fans zum Motorendröhnen treffen. Und das originell finden, den Karfreitag so umzubenennen. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Und noch andere wollen das raushaben aus dem Klassenzimmer, über dem Krankenbett ein Kreuz, wie makaber: Ihr hängt euch doch auch keinen Galgen übers Ehebett, so schlimm kann keine Ehe sein! Argumentieren sie.

Eigentlich ist jede Kirche und jeder Gottesdienst wie ein Schild am Kreuz, ein Plakat, auf dem für alle verständlich stehen soll, was Sache ist.

Vielleicht ist es sogar angemessen, wenn das, was wir als Überschrift über das Kreuzesgeschehen schreiben, zweideutig bleibt und zum weiteren Nachdenken Platz lässt: Also habe ich weiter überlegt, was ich denn geschrieben hätte. Das wäre mein Schild: “Hier hat der Himmel die Erde berührt. Voller Schmerzen. Und hat trotzdem nicht losgelassen.“

So the bickering over the words on that board on Jesus‘ cross is what also happens today, when people try to get the meaning of the crucifixion of Jesus. Imagine, you would be picked out to write something on the board on the cross and the people around you argue:„Write something about a loser“, „No!, write about a brutal death of an innocent man who died in solidarity with all suppressed people in the world, NoNo, mockering others, write down that Jesus is the sacrifice for our sins, Impossible!, thats not political correct, you cannot instrumentalize an execution, Jesus didn’t die for us, he was living for us, and the theological discussion goes on and on, and I can’t hear it anymore. Please stop. So, this is, what I would have written: This is the point, where heaven touched the earth. And it hurt. But he didn’t withdraw.

II.

So zweideutig ist auch, was Jesus sagt. Zum Schluss. Das ist das Zweite, was ich euch nahe bringen möchte. Sein letztes Wort. Das ist das wichtigste, was Johannes sagen will. Dieses eine Wort: „Es ist vollbracht.“ Aber was hat er denn geschafft? Auch da haben ihn die Leute wieder gründlich missverstanden. Die hatte einfach gedacht, er wäre froh, das endlich hinter sich zu haben. Aber Jesus hatte was ganz anderes geschafft:

Jesus hat es geschafft, nicht zu hassen. Sondern den ganzen Hass auf sich zu ziehen und sich mit ihm zusammen ans Kreuz nageln zu lassen. Und so den Hass mit in den Tod zu nehmen. Er hat es geschafft, nicht zu verzweifeln, sondern seine Verzweiflung Gott an den Himmel zu schreien. Wenn einer betet: „Warum bist du weg, Gott?“ So wie im Psalm 22, dann ist das auf den ersten Blick ja paradox, weil: Wie kann man mit einem reden, der nicht da ist, den es vielleicht gar nicht gibt? Aber genau das zu beten bedeutet doch, dass Gott auf eine ganz besondere Weise eben doch anwesend ist, während Jesus da am Kreuz hängt: Nämlich im Elend und im Schmerz. Im Leiden. Und das ändert alles, was man über Gott als höchstem Wesen oder Allmächtigem denkt. Dass er alles ausgezogen hat, was göttlich ist, um nur noch elend zu sein.

Diese Spannung auszuhalten, dass Gott abwesend ist mit seiner Macht, damit seine Liebe hier noch da sein kann, und Gott am Kreuz nur als mitleidende Schwäche da sein kann: Das hat Jesus geschafft. Und zwar für uns: Damit wir nicht an Gott irre werden müssen, wenn wir dem Leiden begegnen. „Der Sohn Gottes hat bis in den Tod gelitten – nicht, damit die Menschen nicht leiden müssen, sondern damit ihre Leiden dem seinen ähnlich seien.“ Hat der amerikanische Theologe George McDonald geschrieben. Ich wäre an Gott sonst schon längst irre geworden. Ohne den gekreuzigten Jesus wäre ich Atheist.

Das also vollbracht zu haben, ist aber keine Leistung, wo man zuguckt und applaudiert: „Toll, dass der das geschafft hast!“

Es geht um die Liebe, die Jesus so lange durchgehalten hat, bis sie durch den Tod hindurch war. Der Hass ist am Kreuz krepiert. Die Liebe ist am Leben geblieben. Jetzt aber reicht die Liebe so weit, dass wir im Tod nicht ohne Liebe sein müssen, und deshalb nicht ohne Gott. Seine Liebe hat den Abgrund überbrückt, der uns von Gott trennt, wo wir sonst irgendwann endgültig von Gott verlassen wären. Ohne das, was Jesus vollbracht hat, könnten wir dann nur noch sagen: „Ich kann mich nicht mehr halten“. Und hätten dann am Ende nichts vollbracht, was nicht der Zahn der Zeit einebnet und die Würmer verspeisen. Unser letztes Wort wäre dann: „Ich falle.“ Und nicht: „In deine Hände lege ich meinen Geist.“ Noch so ein letztes Wort von Jesus, das wir mitsprechen können. Damit wir sogar im Sterben Trost finden. Amen.

So, what does the last word of Jesus mean: „It is finished“? What did Jesus finish, what did he accomplish? To say it in short: He has accomplished his mission. The mission of love. He carried all the hate on the cross, and died with it, so that the hate and the sin is dead. But what lives, is the love. Death couldn’t kill it.

This is what Jesus accomplished, so that no one of us have to despair of God in his suffering! When God seems not to be there. „The Son of God… suffered unto the death, not that men might not suffer, but that their sufferings might be like His.“ (This is a word of George McDonald.)

His love reaches that far! It reaches farer than death. He kept up his love through his dying. But now God’s love reaches so far, that even in death we need not to be without love and therefor without God. Without that what Jesus accomplished for us, our last word could only be: „I’m falling! But not: In your hands I commit my spirit.“ As Jesus said. In order to give us the opportunity to do so, too. Amen.