26.12.19 – Armin Kistenbrügge – 2. Weihnachten

Armin Kistenbrügge: Predigt am 26.12.2019 über Titus 3, 4-7

Predigt: „Verlier nicht die Geduld“ (Titus 3,4-7)

An Weihnachten, 26.12.2019 in Edingen (11 h) und Greifenstein (18 h)

Liebe Greifensteiner (Edinger) Geschwister,

Endlich. Endlich ist Gott wirklich zu Besuch gekommen. Wir haben gewartet und gewartet. Und dann ist er wirklich da gewesen. Wird das bei uns an Weihnachten eigentlich immer nur als lange vergangene Geschichte immer wieder erzählt, oder gibt’s dieses „endlich“ auch bei uns: „Endlich ist Gott auch bei mir gewesen.“ Und ihr habe was von seiner Herrlichkeit mitbekommen.“ Was bedeutet das also für die Welt, dass Gott in ihr geboren wurde, also wörtlich „zur Welt gekommen“ ist? Ist die Welt nun eine andere, oder ist sie die alte geblieben?4 Und was bedeutet das für dein Leben, dass Gott in deine Welt gekommen ist?

Der Predigttext für heute aus dem Titusbrief, Kapitel 3,4-7. verbindet beides: diese Zeitenwende für die ganze Welt mit deiner Lebenswende. Ihr habt ihn eben schon in der Schriftlesung gehört, hier jetzt noch mal: Paulus schreibt: „Doch dann erschien die Güte und die Menschenfreundlich­keit Gottes, unseres Retters – und zwar nicht als Belohnung, sondern unabhängig von irgendwelchen Taten, die wir in unserer Gerechtigkeit vollbracht hätten. Sondern er hat uns seine Barmherzigkeit geschenkt: Er hat uns gerettet durch das Bad, aus dem wir neu geboren werden. Denn mit diesem Bad erhalten wir das neue Leben durch den Heiligen Geist. Den hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter. Durch diese Gnade werden wir von Gott als gerecht angenommen. Und damit werden wir zu Erben des ewigen Lebens – so wie es unserer Hoffnung entspricht.“

Hört sich nicht nach Weihnachten an. Ist aber Weihnachten drin. Weil es darum geht, wie Gott nicht nur zur Welt, sondern zu dir kommt. Ich übersetze euch dieses Stück mal ins Weihnachtliche. Und sage das Ganze noch mal, mit meinen Worten: “Seit Menschengedenken haben Menschen versucht, über sich hinaus zu wachsen und Gott nahe zu kommen. Haben sich angestrengt, ihn freundlich zu stimmen. Ihre Vorstellung von Gott war das Spiegelbild ihrer Sehn­sucht und ihrer Wünsche. Und auch ihrer Ängste und ihres Scheiterns, ihrer Schuld und ihrer Bosheit. Wie sie selbst waren, so war auch Gott. Nur eben das Spiegelbild in Vergrößerung. Kein böser Gott, aber ein Gott, der mal lieb ist und dann wieder zornig, launisch wie das Schicksal und leicht mit ihm zu verwechseln.

Aber dann, eines Tages, erschien Gott. Persönlich. Keine Botschaft von oben nach unten, keine Mahnung, keine Warnung. Kein Wort von ihm. Er selbst war die Botschaft. Das Wort.

Gott kam, weil er Sehnsucht nach uns hatte. Und Erbarmen. Er kam nicht, weil wir‘s ihm hier so schön gemacht hatten. Nicht, weil wir ihn so beeindruckt hätten mit unseren Erfolgen, mit unserer Weisheit, ihn mit unserer Frömmigkeit fast zu uns runtergezogen hätten. Nicht, um uns zu belohnen für irgendeine Großtat: Gott wollte uns beschenken. Und zwar nicht mit irgendwas. Er wollte sich selbst verschenken. Er wollte ganz da sein. Deshalb kam Gott persönlich. Runter zu uns. Nicht wir wuchsen über uns hinaus, sondern Gott wuchs zu uns hinunter. Er kam wie ein Regen vom Himmel auf verdurstendes Land. Er goss Segen über uns aus. Er badete uns mit Heiligem Geist. Um die hart gewordene Kruste um unsere Herzen langsam aufzuweichen. So viel Gott auf einmal! Das hat er getan, damit nicht nur Er neu geboren wird: Es hätte uns nicht verändert, wenn Gott bloß zur Welt gekommen wäre, aber nicht zu uns, und wir wären die alten geblieben. Nicht nur Gott wollte geboren werden. Auch wir müssen neu geboren werden. Gott wollte uns wirklich das Leben schenken. Mit seiner Geburt. Gott wollte nicht bloß einen eingeborenen Sohn. Er wollte ganz viele Söhne und Töchter. Das war sein Ziel. Und ist es noch. Und um das zu erreichen, fing Gott an Weihnachten ganz klein an. Fängt er auch heute mit dir ganz klein an. Immer wieder neu.“

So verstehe ich diesen Text. So wird in der Weihnachtsgeschichte die Menschheitsgeschichte und deine persönliche Lebensgeschichte ineinander verwoben.

II

Hier könnte ich jetzt aufhören, und ihr hättet was zum weiter Philosophieren über das neue Leben im Allgemeinen und Besonderen.

Aber ist Gott in deine Welt gekommen? Fühlst du dich mit Segen überschüttet, frisch gebadet und wie neu geboren? Nach Weihnachten macht sich immer so eine leise Enttäuschung breit, weil es nach dem großen Bibel-Kino so klein weitergeht. Und die Geschichte nicht zu Ende ist und alles ist gut, sondern gerade mal klein angefangen hat. Und Gottes Gegenwart in dir, die große Erneuerung, ist nicht mit einmal Engel auftauchen oder einmal Untertauchen abgeschlossen, sondern hat erst angefangen. Und du bleibst Anfänger bei Gott, dein ganzes Leben lang ein Krippenkind.

Nach Weihnachten muss man sich in Geduld üben. Weil die Welt nicht schlagartig neu ist. Und auch bei dir mit Weihnachten nicht schlagartig Friede und den Menschen ein Wohlgefallen herrscht. Ihr gehört vielleicht auch zu der Sorte Mensch, die betet: „Herr, gib mir Geduld, aber bitte sofort.“ Aber da kannste lange warten. Geduld muss man üben. Ich brauche nämlich auch in meinem Glauben Geduld. Geduld mit mir selber. Und die Geduld mit mir, das ist nur ein Bruchteil von der Geduld, die Gott mit meinem Leben und mit der Welt hat! Dass Gottes Menschenfreundlichkeit endlich mal erschienen ist, wie der Paulus das sagt, das heißt: Gott hat sich nicht elend lange Zeit gelassen, sondern uns: Uns hat er Zeit gelassen. Mit uns hatte er Geduld. Bis es so weit war. Bis die Zeit erfüllt war, wie das im Galaterbrief heißt. Diese Geduld gehört auch zu Gottes Menschenfreundlichkeit.

Ich möchte euch sagen, wie ihr diese Geduld üben könnt. Die Übung geht so: Warte nicht auf die großen Veränder­ungen, und nichts passiert, sondern achte auf das Unspekta­kuläre. Das ist eine Lehre aus der Weihnachtsgeschichte. Sonst rennst du nämlich an Gott vorbei auf der Suche nach ihm. Dann rennst du um den Stall rum und suchst die himmlischen Heerscharen. Du hörst, wie drinnen das Baby quäkt und kannst nicht glauben, dass du gerade Gottes Stimme hörst.

Denn jetzt mal im Ernst, was haben die Menschen damals vor 2019 Jahren oder so in Bethlehem eigentlich gesehen und gehört? Meinst du, sie hätten es leichter gehabt mit dem Glauben? Sie erlebten etwas sehr Provisorisches! Sie sahen ein junges Paar, das unter moralisch fragwürdigen Umständen und hygienisch suboptimalen Bedingungen ein Kind zur Welt brachte: Arme Leute, die sich mit einer Unterkunft in einem Stall begnügt haben. Dass man gerade Zeuge des wichtigsten Ereignisses der Weltgeschichte wurde, das war an der Oberfläche nicht erkennbar.

Aber gerade dort war Gott am Werk! Bei der Arbeit. Genau dort ist er zu finden: Nicht im Palast, sondern in der Krippe. Deshalb lehrt dich die Weihnachts­geschichte Geduld: Denn warum sollte es in deinem Leben anders sein? Und Gott bei dir nicht ähnlich handeln: In der Vergebungsbedürftigkeit statt im Erfolg. Nicht in der Perfektion, sondern in der Heilung des Zerbrochenen. Im Bruchstück aus deinem Leben und nicht im geradlinigen Lebenslauf.

Verlier nicht die Geduld, inmitten aller Schuld ist Gott am Werke. Denn der in Christus Christ / ein Mensch geworden ist, bleibt unsere Stärke.“ (EG 677,4)Das meine ich. Da ist Gott an der Arbeit. Bei dir.

Das ist immer noch schwer zu glauben. Dazu brauchst du Geduld. Das kannst du das ganze nächste Jahr üben. Da heißt die Jahreslosung: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Denn im hintersten Winkel deines Herzens sitzt der Unglaube, der flüstert das Gegenteil: „Gott handelt nicht bei mir. Woanders schon. Aber nicht bei mir.“ Du sollst Gott das glauben, dass er auch in deinem Leben an der Arbeit ist. Dass es dir selber so verborgen ist wie die Herrlichkeit Gottes in einer Krippe.

Denn wenn du dein Leben betrachtest, was siehst du schon? Genauso Unspektakuläres wie die Hirten im Stall. Du siehst das Profane. Den Alltag, die kleinen, fiesen Probleme, die Routine, die Unsicherheit, die Sorgen, den kleinen Ärger: Du siehst das Vordergründige, die Oberfläche. Kannst du glauben, dass gerade darin Gott bei der Arbeit ist? Der in deinem Leben Heilsgeschichte schreibt? Der unter der Oberfläche des Schmerzes deinen Charakter formt. Der durch die Menschen in deiner Umgebung seine Liebe austeilt. Der seine Nähe in einem Stück Brot und einem Schluck Wein zeigt: Im Grunde ist das mit dem Abendmahl ja ähnlich.

Sucht Gott also nicht in der Perfektion, sondern im Kleinen, in den hoffnungsvollen Anfängen, im Prozesshaften, wie es schlaue Theologen formulieren. Such Gott in deinem Leben so, wie du nach einem Stall und einer Krippe suchen würdest! Amen.